Infrastrukturfalle

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Dirk van Laak spricht in seinem Buch „Alles im Fluss“ (2018) von der „Infrastrukturfalle“. Mit ‚Falle‘ meint van Laak die mit der zunehmenden Infrastrukturierung der menschlichen Lebenswelt gleichermaßen zunehmende Unfähigkeit der Menschen, sich selbst zu helfen.

Das Wort ‚Infrastruktur‘ trifft das, was ich als ‚Technologie‘ bezeichne, um meine Kritik daran vom Begriff der Technik abzugrenzen. Technologie ist Infrastruktur, und Infrastruktur ist das technokratische Gegenstück zum phänomenologischen Begriff der Lebenswelt.

Neue Infrastrukturen werden selten, eigentlich nie, aufgrund demokratischer Entscheidungen eingeführt. Indigene Bevölkerungen mußten gigantischen Infrastrukturbauten weichen, wie etwa beim Eisenbahnbau in den USA (19.Jhdt.), bei Staudämmen oder bei Straßen durch den Amazonas. Nicht nur in Diktaturen, auch in Demokratien werden Infrastrukturprojekte in dunklen Hinterzimmern beschlossen, wo Profitinteressen ausgehandelt werden. Die Debatten im Bundestag sind dann nur noch Camouflage. So tritt die „öffentliche Hand“ an die Stelle der „unsichtbaren Hand“ des Marktes, ohne dadurch allerdings an Sichtbarkeit (Transparenz) zu gewinnen.

Der ‚mündige‘ Bürger wird mit den neuen Infrastrukturen konfrontiert, ohne gefragt zu werden, und ist um seines eigenen Überlebens willen gezwungen, sie zu nutzen. Denn ausweichen kann er ihnen nicht. Als Falle erweist sich die Infrastruktur, weil sie inklusiv ist. Tatsächlich gilt diese Inklusivität als Demokratieargument, wenn jedermanns Zugang gesetzlich sichergestellt werden soll. Um die Bürger daran zu hindern, sich dennoch undemokratischerweise diesem Zugang zu verweigern, werden Alternativen wie Bargeld oder Steuerformulare aus Papier abgeschafft. Demokratie besteht nach dieser Lesart darin, daß die Bürger die neuen Infrastrukturen nicht nicht nutzen können.

Viele nutzen die neuen Infrastrukturen gerne. Aber es gibt auch jene, die Nutzer wider Willen sind. Gefragt aber wird keiner.

Das Argument ist immer wieder die Fürsorge des Staates. Die sogenannte ‚Daseinsvorsorge‘. Das paternalistisch fürsorgliche Verhalten des Staates ist vorgeblich am Gemeinwohl ausgerichtet. Aber schon von Beginn an betrieb der Kapitalismus mit diesem Gemeinwohl sein eigenes perfides Spiel. Mit Hilfe der Fürsorgefunktion des Staates werden die dahinter stehenden Profitinteressen camoufliert und zugleich mit Steuermitteln unterstützt. Ein Beispiel neben vielen anderen – Stuttgart 21, Braunkohletagebau – ist der Breitbandausbau, flankiert von beratenden Aktivitäten in Gemeinden und Wohnvierteln, wo mit ihrer bisherigen Lebensweise zufriedene Bürger darüber ‚aufgeklärt‘ werden, was sie alles für tolle Dinge machen können, wenn das Internet erstmal schneller geworden sein wird. Denn erst wenn alle mitmachen, läßt der Breitbandausbau die Profitraten steigen.

Nach dem menschlichen Sinn des Ganzen fragt keiner.
Deshalb wird ja auch keiner gefragt.

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Monsterfacing

Wenn man die Schillerstraße stadtauswärts radelt und hinter der Brücke über die Umgehungsstraße links in einen Radweg zur Werse runter abbiegt, kann es einem passieren, daß man dort am Waldrand einem jungen Mann begegnet, der einem nicht nur auf den ersten Blick das Blut in den Adern gefrieren läßt. Der etwa 1,80 große, rüstig ausschreitende junge Mann hat die Jeans bis unter die Knie hochgekrempelt und trägt ein schwarzes, die Arme freilassendes T-Shirt. Beide Kleidungsstücke geben so den Blick auf Unterschenkel und Arme bedeckende Tätowierungen frei. Auch das Gesicht mit den starr geradeaus gerichteten, brillenbewehrten Augen ist mit Tätowierungen bedeckt.

Der eigentliche Schock aber geht von der Stirn aus: dort wo dem Bock die Hörner sprießen, ragen zwei perfekt platzierte, formvollendete, daumendicke Beulen empor. Die ‚Hörner‘ wirken in ihrer obszönen, im hellen Tageslicht glänzenden Nacktheit um so abstoßender, als die Stirn der einzige sichtbare Fleck ist, der untätowiert geblieben ist. Man fragt sich, ob der junge Mann eine Maske trägt oder ob er tatsächlich sein Gesicht kosmetisch hat verunstalten lassen, um der Welt gegenüber seine Verachtung dauerhaft zum Ausdruck zu bringen.

Ich sah ihn in den letzten Tagen zweimal diesen Weg am Waldrand entlang marschieren, mal stadteinwärts, mal wersewärts, und ich fragte mich, ob er Freunde hat und wer sie sein mögen. Ich stelle mir vor, wie kleine Kinder schreiend vor ihm Reißaus nehmen. Aber vielleicht ist dieser junge Mann ja auch nur der Vorläufer eines neuen Trends: nach Piercing, Branding und Gruselclowns jetzt auch Monsterfacing?

Warumfragen

Eine Freundin erzählte mir einmal, daß Kinder nicht wissen wollen, wie etwas funktioniert, wenn sie ‚Warum‘ fragen. Sie fragen vor allem nach dem Sinn von etwas. Wenn sie wissen wollen, warum es regnet, und man erklärt ihnen den Vorgang der Wasserverdunstung, der Wolkenbildung, der Entstehung von Regentropfen aus Staubteilchen etc., fragen sie immer weiter und hören gar nicht mehr auf mit ihren ‚Warums‘. Wenn man ihnen dann aber sagt, daß es regnet, damit das Gras wachsen und Blumen blühen können, sind sie befriedigt und fragen nicht mehr weiter.

Allerdings ist das nicht die ganze Wahrheit über Kinder. Es gibt auch die Kinder – und es sind oft dieselben –, die Geräte auseinander nehmen oder einfach kaputt machen. Die wollen ganz offensichtlich wissen, wie sie funktionieren. Es reicht ihnen nicht, zu wissen, wozu sie da sind. Denn das ist ebenfalls offensichtlich.

Gar nicht zu reden vom Umgang von Kindern mit Tieren. Die Skala reicht von zärtlicher Hingebung bis hin zu unfaßbaren Grausamkeiten. Anscheinend wollen sie auch hier – also bei den Grausamkeiten – sehen, was geht und was nicht. So wie ein kleines Mädchen, das ich kannte, das ihrem geliebten Kaninchen eine Schlinge um den Hals legte, um auszuprobieren, ob sie mit ihm Gassi gehen kann wie mit einem Hund, und das Kaninchen dabei fast erdrosselte. Das Kaninchen überlebte zwar, wollte aber verständlicherweise danach zum Leidwesen des Mädchens nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Von anderen, wirklich beabsichtigten, bewußt begangenen Grausamkeiten will ich hier gar nicht reden.

Was können wir mit unserem scheinbaren Wissen über das, was Kinder tun und denken, anfangen? Es läuft wohl letztlich darauf hinaus, daß sie nicht besser sind als wir Erwachsenen. Kein bißchen.

Das Alltägliche denken

Wenn ich zurückschaue auf all die Jahre der Erkenntnisethik, frage ich mich, was davon bleibt. Und ich habe den Eindruck, daß es nicht das Denken ist. Jedenfalls nicht die Resultate des Denkens, die sich für mich im Rückblick zu erstaunlichen Höhen der Abstraktion hinaufschrauben. Alle diese Abstraktionen vergesse ich gleich wieder; im Erleben, im Gespräch, stehen sie mir nicht zur Verfügung. Meine Argumente in den täglichen Auseinandersetzungen sind angesichts der zu lösenden Konflikte lückenhaft und unbrauchbar.

Es kommt im Denken nicht auf die Resultate an. Es kommt nur darauf an, daß man lernt, bei den Phänomenen, den Anlässen zu bleiben, von denen es jeweils ausgeht. Es kommt nicht auf das sich abhebende und in die Höhe sich windende Denken an, sondern auf das flache Denken, das unser tägliches Erleben begleitet und dafür sorgt, daß es anpassungsfähig bleibt, und widerständig.

Wir sollten nicht auf ein Wissen hindenken, das sich über den Alltag erhebt. Dieses Wissen ist keine Weisheit, sondern Torheit. Worauf wir hindenken sollten, ist der Alltag.

Was Gott für uns ist

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Es gibt zwei Grundformen des Gebets. Die eine besteht in einer von Gebetsformeln getragenen meditativen Versenkung in das, was Gott für uns ist. Die andere besteht in einem stillen Nachdenken über uns und die Welt.

Das Nachdenken ist gerade dann vonnöten, wenn man bedenkt, daß Beten von Bitten kommt. Diese Bitten können einerseits aus der Tiefe des Herzens oder der Not kommen, als Seufzer, und benötigen keine begleitende Reflexion. Was so natürlich auch für spontane, aus einer tief empfundenen Lebensfülle heraufsteigende Dankgebete gilt. Im Englischen, to pray, kennt man überhaupt nur Dankgebete und Lobpreisungen.

Was jedenfalls die Bittgebete betrifft: oft genug handelt es sich andererseits bei Bittgebeten um bloße Konsum-, Macht- oder Ehrgeizgebete. Wer sich hier nicht selbst nachdenkend auf die Spur zu kommen versucht, verrät seinen Gott.

Wahrheit und Technologie

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Viele Menschen, Wissenschaftler, Intellektuelle, Laien, Leute, eint die Überzeugung, daß Technologie und Wahrheit Synonyme seien. Wenn eine Theorie ‚funktioniert‘, also zu technologischen Anwendungen führt, muß sie auch wahr sein. Wenn also Theorien des Geistes zu ‚intelligenten‘ Maschinen führen, dann muß auch der menschliche Geist ein Computer sein. Ähnliches gilt für die Relativitätstheorie und die Quantenphysik. Unzählige Technologien basieren auf ihren theoretischen Annahmen.

Die Gleichsetzung von Wahrheit und Technologie ist aus mehreren Gründen problematisch. Erstens gelten Quantenphysik und Relativitätstheorie nur eingeschränkt, sind also auch nur eingeschränkt richtig. Zweitens ist beim Begriff der Intelligenz überhaupt nicht geklärt, was Intelligenz ist. Drittens können Technologien aus vielerlei Gründen funktionieren, und es ist überhaupt nicht ausgemacht, ob es sich dabei auch um die theoretisch behaupteten Gründe handelt. Das hängt wiederum viertens damit zusammen, daß die Daten, auf die sich diese Theorien berufen – heutzutage handelt es sich fast nur noch um statistische und nicht durch konkrete Beobachtung am Einzelfall erhobene Daten –, immer interpretationsbedürftig sind. Was wiederum fünftens bedeutet, daß es auf die Subjektivität des Wissenschaftlers, auf seine Bildung ankommt, wie er diese Daten interpretiert. Wenn die betreffenden Wissenschaftler von disziplinären Vorurteilen geleitet werden und zu Kurzschlüssen neigen, werden die Theorien, die sie generieren, keinerlei erklärenden Wert haben.

Leider ist Bildung in der Wissenschaftsgemeinschaft ein unterschätztes Qualifikationsmerkmal. Insbesondere der naturalistische Mainstream meint entweder, auf Philosophie und Begriffsgeschichte ganz verzichten zu können, oder – ich weiß nicht was schlimmer ist – er nimmt eine pseudophilosophische Attitüde ein, in der Meinung, das sei Philosophie.

Prägnant formuliert: Wir wissen nichts, aber wir verändern die Welt!

Neutral!

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Exzentrisch positioniert zu sein, bedeutet, Innen und Außen nicht zu bewerten. Es bedeutet, ihnen gegenüber neutral zu sein. Das ist Plessners Antwort auf den Dualismus, ohne in die Falle des Monismus zu tappen.

Wenn wir uns für den Geist bzw. für den Platonismus und gegen die Materie, also gegen den Materialismus entscheiden, werden wir als Platoniker die Materie nicht los. Sie wird uns wie ein Schatten verfolgen, von dem wir uns beständig abzustoßen versuchen. Umgekehrt ist es genauso: die Materialisten – wie z.B. die Naturwissenschaftler – vergeistigen die Natur, wo immer sie sich ihr zuwenden. Atome, Neuronen und Gene werden in den experimentellen Designs der Naturalisten zu Handlungssubjekten und verfolgen überall ihre eigenwilligen Zwecke.

Keine Beschreibung der Naturprozesse kommt ohne grammatikalische Konstruktionen aus, die Materie und Geist voneinander trennen, nur um sie gleich wieder in eine syntaktische Verbindung zu bringen. Der Dualismus ist unvermeidbar.

Der Monismus ist aber keine Lösung. Aristoteles war Monist: seiner Ansicht nach bilden Stoff (Materie) und Form (Geist) eine unauflösbare Einheit, einen Hylemorphismus. Beide bilden nur zwei Seiten von ein und derselben Sache. Der Monismus leugnet die Differenz von Innen und Außen. Aber mit der Leugnung dieser Differenz geht auch das Bewußtsein davon verloren, was es heißt, ein Mensch zu sein. Mit der Leugnung der Differenz von Innen und Außen fällt auch die Differenz von Meinen und Sagen unter den Tisch. Die Wörter und ihre Bedeutungen fallen zusammen; oder anders gesagt: die Wörter verlieren ihre Bedeutung.

Wir haben einander nichts mehr zu sagen. Wir sind keine Menschen mehr.

Deshalb bleibt nur Plessners Lösung. Der Dualismus von Innen und Außen, von Form und Stoff, von Geist und Körper ist unvermeidbar, aber wir können uns ihm gegenüber neutral verhalten. Wir können uns zu ihm exzentrisch positionieren. Wir bewegen uns auf der Grenze zwischen Innen und Außen und lassen beides zu. Die Wahrheit, diese Wahrheit, interessiert uns nicht.