Unser Bestes

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Es heißt, wenn man den Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen zahlt, das das Existenzminimum sicherstellt, hätten sie keinen Anreiz mehr, arbeiten zu gehen. Aber es ist wider die menschliche Natur, immer nur faul rumzuliegen. Die Menschen wollen arbeiten. Und sie wollen stolz sein auf ihre Arbeit! Sie wollen ihr Bestes geben.

Sie wollen ihr Bestes geben, nicht ihr Letztes. In den letzten Wochen hatten wir eine von Jens Spahn angestoßene Neuauflage der ewigen Debatten um die Organtransplantation. Da sollen die Menschen buchstäblich ihr Letztes geben. Aber ein Grundeinkommen verweigert man den potentiellen Organspendern. Und Organspender sollen wir alle sein.

Wir bringen da was fürchterlich durcheinander. Wir verwechseln Höchstleistung – denn es geht doch immer um Höchstleistungen; nur auf die soll man angeblich stolz sein können – mit Verausgabung. Und wenn die Menschen ihr Letztes geben, kurz bevor sie abkratzen, erschöpft und ausgelaugt, haben sie ihr Bestes gegeben.

Aber unser Bestes ist, was unserem Leben einen Sinn gibt, und nicht eine Organspende kurz vor dem Exitus.

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Den Kapitalismus wegreformieren

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Ist der Kapitalismus reformierbar? Nein. Aber er ist wegreformierbar. Das ist sogar eine gute Alternative zur Revolution.

Sobald wir für unsere Arbeit einen gerechten Lohn bekommen, gibt es keinen Kapitalismus mehr.
Sobald Erziehung und Pflege gerecht entlohnt werden, gibt es keinen Kapitalismus mehr.
Sobald die planetaren Ressourcen in die Produktionskosten eingepreist werden, gibt es keinen Kapitalismus mehr.

Saubere Luft, saubere Böden, sauberes Wasser und Menschen, die sich keine Sorgen mehr machen müssen, wo sie das Geld für ihre Miete hernehmen sollen, sind das Erkennungsmerkmal einer Wirtschaftsweise, die den Kapitalismus überwunden hat.

Dazu braucht es keine Revolution. Nur einige Reformen. Das Ende des Kapitalismus ist dabei nur ein Kollateralschaden.

Blinklichter und LED-Scheinwerfer

Leuchttürme sind Blinklichter. Sie strahlen weit übers Meer hinaus, und dem fernen Schiffer auf der Suche nach dem Hafen erscheinen die kontinuierlich sich um den Turm drehenden Scheinwerfer als von allen Richtungen aus gut wahrnehmbares Blinklicht.

Es ist wohl klar, welche Aufgabe ein Blinklicht hat: es soll die Aufmerksamkeit wecken und die Richtung anzeigen, beim Leuchtturm den Hafen, beim Auto das Abbiegen. Was das letztere betrifft, war das früher auch mal so. Heute aber nicht mehr. Was ist eigentlich mit dem deutschen TÜV los? Lassen die eigentlich jede hirnrissige Veränderung an der Verkehrssicherheit zu? Früher waren Blinklichter so platziert, daß sie nicht nur frontal von vorne oder rektal von hinten gesehen werden konnten, sondern auch seitlich, gut sichtbar für wartende Autofahrer an Kreuzungen oder für Radfahrer und Fußgänger, die eine Abzweigung überqueren wollen und dabei auf abbiegende Autofahrer achten müssen. Das Blinklicht befand sich an den Außenseiten der Autoscheinwerfer, und viele Autos hatten sogar seitlich am Kotflügel noch ein extra blinkendes Lämpchen, so daß es kein Vertun gab, ob da jemand gerade abbiegen wollte oder nicht.

Solche seitlichen Blinklichtlämpchen habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Und an den Frontscheinwerfern sind die Blinklichter von der Außenseite nach der Innenseite gewandert und sind so nur noch für den Gegenverkehr erkennbar. Und immer öfter noch nicht einmal für den Gegenverkehr! Denn die guten alten gelblich leuchtenden Scheinwerfer werden zunehmend durch strahlend weiße LED-Scheinwerfer ersetzt, die alles anderes überstrahlen, auch das vergleichsweise dezente Blinklicht, das man erst erkennt, wenn das vorfahrtberechtigte Fahrzeug da ist und abbiegt!

Wieder so ein Beispiel für den absurden technischen Fortschritt. Der Verkehrssicherheit dient er jedenfalls nicht.

Übrigens werden die anderen Verkehrsteilnehmer nachts sogar vom Abblendlicht der weißstrahlenden LED-Scheinwerfer geblendet.

„Gib mir Musik“

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Ich habe bisher immer den Standpunkt vertreten, daß Mathematik keine Sprache ist, weil die mathematischen Zeichen eineindeutig definiert sind. Echte Sprache ist niemals eineindeutig definiert. Es gibt immer eine Differenz zwischen Meinen und Sagen. Diese Differenz ist der Sprache so wesentlich, daß ihre Zeichen aus dieser Differenz heraus Bedeutung gewinnen. Und gerade weil die mathematischen Zeichen eineindeutig definiert sind, sind sie bedeutungslos.

Jetzt habe ich mir mal wieder von Reinhard Mey „Gib mir Musik“ angehört, und da gibt es diese wunderbaren, leicht variierten Refrains:

„Gib mir Musik, um mir ein Feuer anzuzünden,
Um die dunklen Tiefen meiner Seele zu ergründen,
Meine Lust und meine Schmerzen, Narben, die ich mir selbst verschwieg.
Gib mir Musik!“

Es sind die dunklen Tiefen der Seele, die sich dem gesprochenen Wort entziehen. Die Sprache erreicht sie nicht, sie transportiert sie nicht wie eine Informationsmaschine, die Informationen transportiert. Aber durch Musik werden wir in diesen Tiefen unmittelbar berührt, ohne daß unsere Seele an dieser Berührung Schaden nimmt. Ist Musik also eineindeutig definiert? Mathematiker sehen es so: sie behaupten, die Musik sei ein mathematisches System.

Aber mit dieser Behauptung unterschlagen sie wieder eine Differenz: Mathematik schließt mit ihren eineindeutigen Zeichen Bedeutung aus. Musik ist hingegen mehr als ein Notationssystem. Ihre scheinbare Bedeutungsleere ist eine Einladung an den Hörer, die Hörerin, zu hören, was sie empfinden. Es sind die Hörer, die die Musik mit Bedeutung erfüllen. Deshalb ist Musik anders als die Mathematik nicht keine Sprache, sondern mehr als Sprache. Sie ist die Fülle dessen, was wir immer nur meinen und niemals sagen können.

Zwei Königskinder

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Ich hatte wieder eine dieser Diskussionen; eine Diskussion, bei der mir diesmal etwas klar wurde: wir kommen nie zu einer gemeinsamen Basis. Die Diskussionen enden immer unbefriedigend: so wie auch dieses Mal. Und ich weiß jetzt auch warum.

Sie argumentiert immer mit Gruppen, und sie ordnet sich auch selbst einer Gruppe zu: den Feministinnen. Und das ist verständlich. Aber bei ihr führt das dazu, daß man entweder zu den Feministen gehören muß oder nicht.

Ich hingegen argumentiere immer als Individuum und ordne die Menschen Paarbeziehungen zu und nicht Gruppen. Ich akzeptiere nur die Ich-Du-Perspektive. Meine Gesprächspartner versuche ich als Individuen anzusprechen.

Dabei halte ich mich selbst übrigens durchaus für einen Feministen. Ich halte es für vernünftig, ein Feminist zu sein. Aber ich verstehe den Feminismus nicht als Gruppenzugehörigkeit, sondern als individuelle Praxis!

Sie akzeptiert das aber nicht. Sie versucht mit unermüdlichem Eifer, mich auf ihre Seite zu ziehen. Ich mag sie. Aber ich fürchte, wir kommen nicht zusammen.

Fußabdrücke

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In Frankreich sind die aus den Städten vertriebenen, auf dem Land lebenden Menschen auf die Straße gegangen, um Autobahnzufahrten zu blockieren, weil die Macron-Regierung den Benzinpreis erhöht hat. Eine regierungsamtliche Maßnahme, um den ökologischen Fußabdruck der französischen Bevölkerung zu verbessern: wer sein Benzin nicht mehr bezahlen kann, fährt vielleicht lieber Fahrrad oder benutzt die öffentlichen Verkehrsmittel. Dumm nur, daß es in Frankreich anscheinend keine öffentlichen Verkehrsmittel auf dem Land gibt. Die Leute müssen also nun sehen, wie sie ihre täglichen ca. 50 Kilometer bewältigen.

Jason W. Moore und Raj Patel schreiben in ihrem Buch über die „Welt in sieben billigen Dingen“ (2018): „Wenn Sie … im Zuge der Gentrifizierung aus Ihrem angestammten Viertel verdrängt wurden und nun eine Stunde länger zu Ihrer Arbeitsstelle unterwegs sind, dann hat Ihr ökologischer Fußabdruck nichts mehr mit einer Lifestyle-Entscheidung zu tun. Sie sind in Ihrer Wahl dann ungefähr so frei wie die englischen Bauern, die von ihrem Land vertrieben wurden und zwischen Lohnarbeit und Hungertod wählen durften. Schlimmer noch, das Denken in Fußabdruckkategorien verortet die Antreiber der planetaren Krise in Sammelbegriffen wie ‚Menschen‘ und ‚Konsum‘ und nicht in der systemischen Dynamik von Kapitalismus und Herrschaft.“ (S.269)

Ist es wirklich so einfach? Ist es immer wieder vor allem „das System“, auf das es ankommt? Müssen wir wirklich erst das System ändern, um uns dann auch um unsere eigenen dreckigen Füße und ihren Abdruck kümmern zu können? Mag ja sein, daß es stets die Umstände sind, die besonders widrig sind und uns daran hindern, das Richtige zu tun. Aber ich bin nicht bereit, irgendjemand von seiner individuellen Verantwortung freizusprechen!

Regellos

In Neuwarendorfs unendlichen Weiten,
wo die Wege sich verzweigen, man weiß nicht wohin,
läßt kein Radler von Regeln sich leiten
und gleitet dahin.

Von Hebung zu Senkung spannt und entspannt der Tritt sich,
Feld stimmt auf Wald und Wald auf Wiesen ein.
Das bringt die Schau beim Vorbeifahrn so mit sich
und fügt sich zum Reim.

Was uns die KI-Forschung verspricht

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„Auf der Basis dessen, daß wir keine Ahnung haben, was Bewußtsein und Intelligenz eigentlich sind, versprechen wir, daß wir demnächst eine Super-KI schaffen werden, die über Bewußtsein verfügen und unendlich viel intelligenter als der Mensch sein wird!“

(Kein Zitat! – Sinngemäße Zusammenfassung von Max Tegmark: Leben 3.0. Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz, Berlin 2017)