Das Gegenteil von Phänomenologie

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An die Stelle des stream of consciousness ist das streaming getreten; ganz ohne consciousness.

Wir haben es hier mit dem Gegenteil von Phänomenologie zu tun. Man sieht andere wie sich selbst und denkt, sie wären bei Bewußtsein. Tatsächlich sind sie aber eingestöpselt und streamen.

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Bildungsauftrag

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Gerade habe ich wieder in einem Radiointerview den Moderator penetrant auf dem Thema „Warum demonstrieren die Schüler nicht am Samstag, statt am Freitag?“ herumreiten hören. Die PISA-Reformen der letzten zwanzig Jahre haben das Bildungsgerede in diesem Land nachhaltig beschädigt. Was ist denn der Bildungsauftrag der Schule? Der Erwerb von Kompetenzen, die die Schüler noch brauchbarer für eine Wirtschaftsentwicklung machen sollen, die das Wachstum als einziges Leitmotiv kennt, das zugleich die Zerstörung des Planeten als Kollateralschaden in Kauf nimmt, oder der Einsatz für ein auch für kommende Generationen gleichermaßen noch lebenswertes wie lebbares Leben?

Die Freitagsdemonstrationen sind nichts anderes als ein wieder-ernst-Nehmen des eigentlichen schulischen Bildungsauftrags und sie stellen deshalb auch einen – bislang weitgehend unreflektierten – Protest gegen das Kompetenzkonzept von Bildung dar.

Stein des Anstoßes

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Greta Thunberg war in Hamburg und hat mit den Schülern für eine lebenswerte, lebbare Zukunft demonstriert. Und jetzt kann man sie wieder hören, die Politiker, die verschiedenen Unternehmensverbände und ihre Vertreter, wie sie Stellung nehmen zu diesen Schülerinnen, Schülern, zu dieser Thunberg.

Sogar Lehrer, die als Pädagogen nicht nur Verantwortung für den Schulunterricht haben, sondern auch für die jungen Menschen, die die Eltern ihrer Obhut anvertraut haben, verweisen auf die schulischen Konsequenzen, die diese Demonstrationen während der Unterrichtszeit für die Schülerinnen, Schüler haben werden: schlechte Noten, schriftliche Verwarnungen, Medungen an die Eltern – denn diese sind ja ‚verantwortlich‘. Diese Lehrer, die so vehement für ‚Bildung‘ eintreten und dabei der längst allgemein gewordenen Verwechslung von Bildung mit Kompetenz unterliegen, sind blind dafür geworden, daß ihre Schüler kompetenter urteilen und handeln als sie.

Thunberg wird sogar als Populistin denunziert!

Sie ist zum Stein des Anstoßes geworden, und daran, wie die Agenten des ‚Weiter so‘ auf diesen Stein reagerien, könnt ihr sie erkennen.

Die Bundeskanzlerin scheint da übrigens gerade nochmal die Kurve gekriegt zu haben.

Eine radikale Entgiftung unserer Welt!

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In dem Roman „Unser Leben in den Wäldern“ (2019) von Marie Darrieussecq befindet sich ein Manifest des Offline-Gehens. Ich gebe es hier leicht gekürzt wieder. Mit ‚beide Hände als Maus benutzen‘ meint die Autorin, daß in nicht allzu ferner Zukunft unser „Körper als Schnittstelle“ funktioniert. (Vgl.S.84) In die Handgelenke sind Chips implantiert, mit denen wir unsere Wohnungen aufschließen und Geräte wie z.B. Fahrzeuge aktivieren, die wir zugleich mit ausladenden Hand- und Armbewegungen dirigieren. Mit der „Geschichtsschreibung“ zur „kognitiven Benutzung unserer Hände“ spielt die Autorin auf André Leroi-Gourhans „Hand und Wort“ (1964/65) an. Ob die im zweiten Absatz angesprochenen neurophysiologischen Befunde korrekt sind, kann ich nicht beurteilen.

„Wenn man nicht mehr dauerhaft online sein will, muss man sich als Erstes abgewöhnen, die eigenen Hände als Maus einzusetzen. Das ist schwer, ich weiß. Da gäbe es eine Geschichte zu schreiben, ich meine jetzt richtige Geschichtsschreibung, über die kognitive Benutzung unserer Hände, ihren Gebrauch, der mit dem Wissen und dem Schreiben zusammenhängt. Hier in ein Heft zu schreiben, nur mit einer Hand (bei mir die rechte), das hat in meinem Hirn bestimmte Gewohnheiten abgeschaltet, die mit dem beidhändigen Gebrauch von Tastaturen verknüpft waren und dann mit dem Gebrauch meiner beiden Hände als Maus. Damit aufhören, im Raum unablässig diese windmühlenartigen Gesten zu wiederholen, mit denen wir unsere Geräte in Gang setzen und steuern, unsere Helme, unsere Fahrzeuge …, das stellt eine radikale Entgiftung unserer Welt dar, nicht mehr und nicht weniger. Wir verlassen diese Welt. Wir finden uns im Wald wieder. Wir graben mit Hacken und Schaufeln. Wir halten die Kohlenbecken in Gang, indem wir in die Glut blasen. Wir stützen die Tunnel in Handarbeit ab, wir falten die Zelte zusammen, wir fangen von vorn an. Wir rühren unsere Eintöpfe selbst um, mit dem Löffel, wir scheuern unsere Essnäpfe aus … Wir greifen die Dinge mit den Händen.

Hirntomografien von Menschen, die dauerhaft offline gegangen sind, zeigen ein frischeres Gehirn, dessen Aktivität abnimmt und sich gleichmäßig verteilt: Das Bild ist einheitlicher blau als rot. Der mittlere präfrontale Kortex löst sich von der Amygdala, das heißt, das Zentrum des Ichs wird nicht mehr mit dem Alarmzentrum verwechselt. Er löst sich auch vom emotionalen Zentrum (ventromedialer präfrontaler Kortex = Grübeln, Sorgen). Diese beiden Areale verarbeiten die Informationen bezüglich der Menschen, die wir als ähnlich ansehen (Handhabung des familiären Beziehugsnetzes/Depression), und der Menschen, die wir als anders ansehen (Frage der sozialen Beziehung/Angst). Unterm Strich nimmt man nicht mehr alles so persönlich.“ (S.70)

Verlorene Zukunft

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Es läuft wohl alles auf einen Digitalpakt zwischen dem Bund und den Ländern hinaus, mit dem die deutschen Schulen beglückt werden sollen. Die Schüler sollen also einmal mehr brauchbar gemacht werden für den Wirtschaftswachstumsstandort Deutschland.

Jean-Jacques Rousseau hatte vor zweieinhalb Jahrhunderten postuliert, daß wir die Kinder auf eine Zukunft vorbereiten müssen, die wir nicht kennen. Alle unsere erzieherischen Maßnahmen müßten sich dem unterordnen. Inzwischen scheinen wir diese Zukunft aber zu kennen, und sie lautet: Digitalisierung!

Kennen wir die Zukunft tatsächlich? Oder ist es nicht vielmehr so, daß es sehr in Frage steht, ob unsere Kinder überhaupt noch eine Zukunft haben werden? Die sechzehnjährige schwedische Aktivistin Thunberg hat gerade erst in Brüssel dem derzeitigen europäischen Kommissionspräsidenten Junker bescheinigt, daß er das Thema verfehlt hat. Thema verfehlt! – Das gilt auch für den Digitalpakt.

Der aktualisierte Rousseau müßte heute nicht mehr eine Bildung einfordern, die die nachwachsenden Generationen auf eine unbekannte Zukunft vorbereitet, sondern auf eine Zukunft, die wir, die jetzige Erwachsenengeneration, bereits ruiniert haben. Wir müssen sie auf eine verlorene Zukunft vorbereiten. Greta Thunberg hat das verstanden. Nicht Hoffnung, so Thunberg, sondern Panik sei an der Zeit.

Und der Digitalpakt? – Nur ein weiterer Schritt in Richtung auf einen weiteren, mit der Digitalisierung einhergehenden Raubbau an den sozialen und natürlichen Ressourcen. Die derzeitige Digitalisierungsphase wird nicht lange währen; ihr abruptes Ende ist absehbar. Wir können sie uns auf Dauer einfach nicht leisten.

Auch für den Bund und die Länder gilt: Thema verfehlt!

Das Tagebuch von Anne Frank

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Ich lese gerade das Tagebuch von Anne Frank. Anne Frank verbringt zwischen 1942 und 1944 zwei Jahre in einem Versteck in Amsterdam, in einem Hinterhofhaus. Im August 1944 wird ihre Familie und sie von den deutschen Besatzern entdeckt und deportiert.

Anne Frank ist 13 Jahre alt, als ihre Familie untertaucht, 15 Jahre, als sie deportiert wird. In diesen zwei Jahren entdeckt sie ihr schriftstellerisches Potential, schreibt erste kleine Erzählungen, erlebt ihre Pubertät und ihre erste Liebe, die zugleich ihre letzte sein wird. Sie beschreibt die Konflikte zwischen den beiden im Hinterhaus versteckten Familien und die Konflikte zwischen ihrem Selbstbewußtsein, ihrer Mutter und den anderen Erwachsenen, die vergeblich versuchen, das eigenwillige Mädchen zu erziehen. Sie träumt von einer Zukunft als Journalistin und Schriftstellerin und sehnt den Tag herbei, wo die Engländer die Deutschen endlich aus Holland vertreiben und sie wieder aus dem stickigen Hinterhaus hinaus in die frische Luft kann, ohne Verdunkelung und ohne ständige Beaufsichtigung durch genervte, übergriffige Erwachsene.

Und der Leser, der alles das liest, weiß, was sie nicht weiß: daß ihre Hoffnungen vergeblich sind. Daß Anne Frank in Momenten überschäumenden Glücks Dankgebete an einen Gott richtet, der sie am Ende im Stich lassen wird. Und er schämt sich, wenn sie in Momenten innerer Not ihr Vertrauen einem Gott schenkt, der dieses Vertrauen nicht verdient hat; wenn sie meint, diesem Gott überschwenglich für das Wenige danken zu müssen, daß ihr noch geblieben ist. Einem Gott, der zuläßt, daß ihr auch dieses Wenige noch genommen werden wird.

Wie liest man so ein Buch? Wie liest man es auf angemessene Weise, ohne daß man solchen Gedanken erliegt und sie so noch nach ihrem Tod ein weiteres Mal beraubt? Gibt es überhaupt eine angemessene Weise, dieses Buch zu lesen?

Das Tragische an diesem Tagebuch ist, daß sein Ende so wenig tragisch ist. Es endet einfach. Und wurde nicht fortgeführt.

Die letzte Zuflucht des Schurken

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In den Medien begegnet mir immer wieder eine seltsame, für mich nicht nachvollziehbare Differenzierung. Wenn der grassierende Nationalismus kritisiert wird, heißt es immer, daß Patriotismus in Ordnung sei, Nationalismus hingegen nicht. Warum? Was ist am Patriotismus gut?

„Dulce et decorum est pro patria mori“, hat Horaz (65-8 v.Chr.) geschrieben. Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben. – Ich danke auch schön!

Von dem englischen Gelehrten Samuel Johnson (1709-1784) stammt die Einsicht, daß der Patriotismus die letzte Zuflucht des Schurken sei.

Was soll also diese Unterscheidung zwischen einem schlechten Nationalismus und einem guten Patriotismus?

Elephanten

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Es gibt eine alte südasiatische Parabel, in der blinde Männer einen Elephanten untersuchen, und jeder wendet sich einem bestimmten Körperteil zu. Einer meint, der Elephant sei eine Säule (Bein), ein anderer, er sei ein Speer (Stoßzahn), wieder ein anderer, er sei eine an einer Leine befestigte Bürste (Schwanz) usw. Man könnte das Ganze noch ein wenig auf die Spitze treiben und behaupten, daß die blinden Männer nur über einen einzigen Sinn verfügen, den Tastsinn, und alle anderen Sinne, nicht nur der Sehsinn, ausgeschaltet sind. Sie können also den Elephanten nicht nur nicht sehen, sondern auch nicht hören, nicht riechen und seine Wärme nicht wahrnehmen. Damit wäre der ganze lebendige Leib der Männer fast vollständig anästhesiert und wir hätten eine moderne Parabel über die heutigen Naturwissenschaften.

Aber nein! – Eigentlich müßten wir sogar noch einen Schritt weitergehen. Stellen wir uns vor, die Männer verfügten über überhaupt keine funktionierenden Sinne; nicht einmal über den Tastsinn. Ihr einziger Zugang zum Elephanten bestünde in Apparaten, mit denen sie verkabelt sind, so daß sie ihren Gehirnen auf elektrischem Wege Input über den Elephanten liefern. Der Input besteht aus Informationen, die durch Experimente mithilfe von Instrumenten gewonnen werden, die den Elephanten veranlassen, zu reagieren. Diese ‚Reaktionen‘ können auf physiologischer Ebene oder auf der Verhaltensebene erfolgen, oder einfach im Abtasten (mit Hilfe von Lasern oder Sonaren) bestehen. Das einzige Kriterium, mit dessen Hilfe die Informationen ausgewertet werden, besteht in mathematischen Modellen. Was von diesen mathematischen Modellen nicht erfaßt wird, wird auch nicht ‚wahrgenommen‘.

Jetzt stellen wir uns vor, dieser Elephant wäre unendlich groß, also das Universum, und zugleich unendlich klein, also subatomar. Jetzt hätten wir die Erkenntnisebene der modernen Naturwissenschaft erreicht: lauter total anästhesierte Männer (und Frauen), deren Weltbild auf der mathematischen Verarbeitung von maschinell gewonnenen Informationen beruht.

Die Mathematik ist meiner Ansicht nach deshalb so geeignet, unsinnliche Verfahren der Wirklichkeitswahrnehmung zu unterstützen, weil sie nichts abbildet. Sie besteht ausschließlich aus logischen Konstrukten und ist völlig bedeutungsleer. Genau das macht sie für eine universelle Anwendung so brauchbar, denn wir müssen das, was wir mit ihrer Hilfe erforschen, nicht kennen, um es für neue Technologien verfügbar zu machen.

Es ist offensichtlich, daß diese mathematischen Modelle noch weniger ‚Wirklichkeit‘ erfassen als jene blinden Männer der ursprünglichen Parabel, die den Elephanten immerhin betasten können. Aber überlegen wir weiter: Der von den blinden Männern betastete Elephant könnte ein von seiner Herde ausgestoßener einzelgängerischer Bulle sein, der kurz davor ist, die Geduld mit den blinden Männern zu verlieren, und der sich im nächsten Moment auf sie stürzen wird.

Da die Mathematik völlig leer ist und lediglich aus logischen Konstrukten besteht, bearbeiten wir mit ihrer Hilfe ein Universum, das auf irgendeine Weise auf uns reagiert, ohne daß wir auch nur im entferntesten eine Ahnung davon haben, welches Ungeheuer wir da geweckt haben.