Kleine politische Farbenlehre

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Nach dem angekündigten Rücktritt von AKK ist die CDU wiedermal auf der Suche nach einem Vorsitzenden und einem geeigneten Kanzlerkandidaten. Und dabei spielen die Worte ‚konservativ‘ und ‚Werte‘ eine große Rolle. Dabei ist die CDU weder konservativ noch werteorientiert. Sie hat sich vielmehr auf technologischen Fortschritt, Wirtschaftswachstum und umfassende Digitalisierung festgelegt. Das sind aber alles Faktoren, die die Werte, für die die CDU angeblich eintritt, zerstören. Ich glaube, ich kann mit Fug und Recht behaupten, daß ich konservativer bin als die CDU; vielleicht sogar konservativer als die ominöse Werte-Union.

Ähnliches gilt für alle anderen Parteien. Ich bin grüner als die Grünen, gleichermaßen sozialer und sozialistischer als die SPD und liberaler als die FDP. Nun kann ich zwar nicht behaupten, daß ich linker als die Linke bin, aber ihrer Kapitalismuskritik stimme ich uneingeschränkt zu. Nur daß ich deshalb nicht gleich zum Linkenwähler werde. Solange die Grünen mir keinen Grund geben, ernsthaft an ihrer ökologischen Prinzipientreue zu zweifeln, werde ich sie weiterhin wählen. Denn ich bin überzeugt, daß sich das mit dem Kapitalismus von selbst erledigt, sobald diese Gesellschaft ihre Verantwortung für die kommenden Generationen im Kampf gegen den Klimawandel ernstnimmt.

Heikel wird es, wenn ich an die AfD denke. Ich würde sagen, daß ich heimatverbundener als die AfD bin. Dabei denke ich vor allem an die Verantwortung dieses Landes für die spezifisch deutsche Geschichte. Denn viele Opfer des Nationalsozialismus hatten ihre Heimat in Deutschland: Juden, Sinti und Roma, Sozialisten und Kommunisten, sexuell Diskriminierte, um nur einige zu nennen. Viele von ihnen nannten Deutschland ihre Heimat. Begriffe wie ‚Nation‘ und ‚Volk‘ hingegen sind in diesem Land für alle Zeiten nicht mehr anwendbar. ‚Volk‘ nicht, weil es endgültig untrennbar mit Begriffen wie ‚völkisch‘ und ‚Volksgerichtshof‘ verbunden ist; und ‚Nation‘ nicht, weil zu jeder Nation unweigerlich ein Volk gehört. Nein danke! Ich bin Bürger eines demokratisch verfaßten Gemeinwesens und kein Volksgenosse.

‚Heimat‘ hingegen verstehe ich vor allem regional. Sie ist begrenzt auf eine überschaubare Region. Mit ihr geht eine gewisse geographische Bescheidenheit einher. Heimat ist geopolitisch nicht mißbrauchbar. – Ja. Ich denke, ich kann sagen, ich bin heimatverbundener als die AfD.

Sprechverbote

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Alle Welt spricht nur noch von ‚Geflüchteten‘.
Was ist mit ‚Säugling‘? – Darf man das jetzt auch nicht mehr sagen?
Oder ‚Liebling‘? – Ist das auch verboten?
Oder ‚Jüngling‘? – Ein schönes altes Wort, das niemand mehr gebraucht. Ein Problem?

Ich bin übrigens selbst ein Flüchtling. Jedesmal, wenn ich mich lesend in ein Buch vertiefe, flüchte ich aus der Realität in eine andere Welt.

Freiheitsverluste

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In zunehmendem Maße geht seit einiger Zeit dem Gewinn von neuen Freiheitsgraden durch die Entwicklung und Einführung neuer Technologien ein fundamentaler Freiheitsverlust voraus: das, was man vorher selbst geleistet hatte, jetzt nur noch mit Hilfe von Maschinen tun zu können.

Ich habe gestern eine Petition zur Gewährleistung eines „Rechts auf ein Offline-Leben“ (Nr. 103875) beim deutschen Bundestag eingereicht. Sobald sie von der Bundestagsverwaltung geprüft, angenommen und online gestellt worden ist, kann sie von jedem Interessierten mitgezeichnet werden.

Petitionen in der Mitzeichnungsfrist

Weihnachten nein danke!

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Weihnachten: das war in Ordnung, bis ich aus dem Alter raus war, wo es mir was bedeutete. Ich weiß nicht genau wann. Der Übergang war fließend. Aber ab Mitte 20 suchte und ergriff ich jede Gelegenheit, um Weihnachten aus dem Weg zu gehen. Meistens waren das Inselaufenthalte; erst die verschiedenen ostfriesischen Inseln, die ich teils mehrfach besuchte, bis Sylvester einschließlich, so daß ich nicht nur Weihnachten aus dem Weg gehen konnte, sondern in einem Aufwasch auch der Sylvesterknallerei.

Niemals allein. Immer mit Freunden, mal mehr, mal weniger an Zahl. Oft auch allein mit einer Freundin: Barbara, Irka, Ines. Als die Mauer gefallen war, begann ich Mitte der 90-er Jahre nach Hiddensee zu flüchten, die Fluchtrichtung von vor dem Fall der Mauer umdrehend. Weihnachten feierte ich schon lange nicht mehr.

Jetzt ist meine Mutter tot, und mein Vater ist 90. Es haben sich Urenkel bzw. Großneffen eingestellt. Selbstverständlich wird wieder – im Kreis der Familie – Weihnachten gefeiert. Aber die Urenkel sind weit weg. Mein Vater fühlt sich nicht mehr sicher genug, um an einem Tag hin und zurück zu fahren. Übernachten kommt für ihn auch nicht in Frage. Da ist er eigen: schlafen will er partout nur in seinem eigenen Bett!

Die Lösung? – Die Lösung bin ich, der sechzigjährige Sohn. Plötzlich kann ich nicht mehr frei über die Weihnachtszeit verfügen. Mein Wille zählt nichts mehr. Denn ich bin der Fahrer! Ich muß meinen Vater hinbringen und zurückbringen. Und natürlich die Zwischenzeit im Kreise der Familie Weihnachten feiern.
Scheiße!

Immerhin gibt es jemanden wie mich, meinen Schwager, der auch nicht viel von der Weihnachtsfeierei hält. Wir setzen uns immer von den anderen ab, vom Rest der Familie schräg beäugt, und gehen Heilig Abend ins Kino. Dieses Jahr haben wir uns für „Motherless Brooklyn“ entschieden. Die Familie kann uns mal.

Johann Baptist Metz

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Letzten Montag starb Johann Baptist Metz. Ich hatte bei ihm einen Teil meines Philosophierigorosums, für das er mich, von Tiemo Rainer Peters herkommend, annahm.

Ich erlebte Metz als freundlich und zugewandt. Seine Definition von Religion als Unterbrechung prägt mich bis heute, wo ich diese ‚Unterbrechung‘ vor allem als Auf-Brechen von lebensweltlichen Verstrickungen verstehe. Letztlich aber führte mich mein Theologiestudium zur Ab-Brechung meiner Kirchenzugehörigkeit: ich trat aus.

Aber ich trat aus, ohne der Kirche meinen Rücken zuzuwenden. Bis heute verstehe ich nicht, wie ein einfacher bürokratischer Akt – das Nichtzahlen der Kirchensteuer – einen Kirchenaustritt bedeuten kann. Die Taufe ist ein Sakrament. Was hat die Kirchensteuer damit zu tun?

Der Glaube hat für mich längst nicht mehr die Form eines Bekenntnisses, sondern die Form einer Erinnerung; mit Metz gesprochen: ich vermisse ihn. Und in der Form dieses Vermissens glaube ich.

Metz ist also gestorben. Es gibt verschiedene Formen des Todes. Eine davon ist, daß niemand mehr an uns denkt. Diesen Tod ist Metz nicht gestorben. Noch lange nicht.

Der Stand der Dinge

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Gedanken angesichts von Haushaltsdebatten und Bundesratsentscheidungen:

Ich habe, was die Zukunft des Menschen und seines Planeten betrifft, längst resigniert. Die Politik trifft trotz Klimaforschung und Fridays for Future am laufenden Band die falschen Entscheidungen. Die Politik ist nicht etwa handlungsunfähig, sondern schlicht und einfach handlungsunwillig.

Aber als noch schlimmer empfinde ich die grassierende Kommunikationsunwilligkeit unter den Menschen. Die Menschen haben sich in unversöhnliche feindliche Gruppierungen separiert. Anstatt Agrumente auszutauschen, die auf einen universalisierbaren Konsens ausgerichtet sind, attackieren sie sich gegenseitig mit Haßparolen, die den Zusammenhalt der eigenen Gruppe stärken und die Gesinnung aller anderen unter Generalverdacht stellen.

Als vor zwei Jahren Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, wurde mein Vertrauen in die Vernunftsfähigkeit der Menschen grundsätzlich angeknackst. Es war ja nicht nur die Ignoranz und die Böswilligkeit Trumps, mit der die Welt es nun zu tun bekam. Dazu gehörte und gehört auch ein fester prozentualer Anteil von Wählern, die für kein sachliches und vernünftiges Wort mehr erreichbar sind. Bei ‚uns‘ in Deutschland haben wir die Identitären, die Reichsbürger, die AFD und die Wirtschaftsliberalen unter Lindner. Nicht zu vegessen die ‚christliche‘ Union und die rechten Sozialdemokraten, die alle den Wählern einreden, sie bräuchten ihre Lebensweise nicht zu ändern, denn Kapitalismus (euphemistisch ‚der Markt‘), Wissenschaft und Technologie werden es schon richten.

Ich bereite mich auf mein letztes Lebensdrittel vor und hoffe, daß ich noch ein wenig was von meiner Rente haben werde, bevor alles den Bach runtergeht. Ich will mit den Menschen, die – den Untergang vor Augen – von der Restauration einer Vergangenheit träumen, die allererst zu dem globalen Desaster geführt hat, nichts mehr zu tun haben.

Aber auch mit den Menschen, die auf den Fortschritt der Wissenschaft vertrauen und von denen einiger sogar so weit gehen, von einem Exodus in den Weltraum zu schwafeln – we go to Outer Space, to save the human race –, will ich nichts mehr zu tun haben. Sie vertrauen mehr der Künstlichen Intelligenz als dem menschlichen Verstand.

Ich will auch nichts mehr von der angeblich unverzichtbaren Digitalisierung wissen, mit der die Politik sich und uns besoffen quasselt. Letztlich haben wir es nur mit einem schäbigen Ersatzthema zu tun, mit dem sie ihr Versagen angesichts des Klimawandels zu kaschieren versucht.

Laßt mich in Ruhe!

Auflösung des Dilemmas: Humanismus

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Wie läßt sich die Vertrauenskrise trotz der Beschränktheit des menschlichen Verstandes überwinden?

In unserer globalisierten Gesellschaft stehen sich zwei Gruppen unversöhnlich gegenüber: die einen glauben nicht mehr an die eine, alle Menschen gleichermaßen verpflichtende Wahrheit. Sie basteln sich ihre eigenen, gruppenspezifischen Wahrheiten und bezeichnen alles andere, was ihren Wahrheiten widerspricht, als Lüge bzw. neudeutsch als Fake.

Die anderen halten an einem wissenschaftlich begründeten Wahrheitsanspruch fest, den sie auch denen zumuten, die sich von ihm losgesagt haben oder die einfach damit überfordert sind, immer auf der Höhe des aktuellen Forschungsstandes und der Fakten zu sein. Die Vertreter und Agenten dieses Wahrheitsanspruchs gestatten ihnen keinen Zweifel an ihrem Wahrheitsanspruch.

Beide Gruppierungen schaden der Wahrheit. Und zwar einer ‚Wahrheit‘, die dem menschlichen Fassungsvermögen entspricht, ohne allerdings den Menschen in die Beliebigkeit zu entlassen. Denn gerade diese ‚menschliche‘ Wahrheit ist es, die uns tiefer zu bewegen und strenger in die Pflicht zu nehmen vermag als der vermeintliche Universalismus – der eigentlich nur ein Reduktionismus ist – des wissenschaftlichen Wahrheitsanspruchs, der sich letztlich doch nur an einige wenige Experten richtet, den Laien aber außen vor läßt.

Und eine dem menschlichen Fassungsvermögen entsprechende Wahrheit ist auch kein billiger Populismus; keine bequeme Rechtfertigung gruppenspezifischer Interessen. Sie fordert vielmehr jedem Menschen die individuelle Anstrengung ab, sich für eine universalisierbare Wahrheit einzusetzen, die ihn und seine Mitmenschen stärkt, anstatt sich und die anderen zu betrügen. Das ist der heute noch aktuelle Kern des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant.

Eine Alternative zur instutionalisierten und von privatwirtschaftlichen Sponsoren abhängigen Wissenschaft sehe ich in den citizen scientists, den Bürgerwissenschaftlern, die Wegbereiter eines humaneren Wissenschaftsverständnisses sein könnten. Ein Vorbild für eine kritische Bürgerwissenschaft bildet die Umwelt- und Anti-Atomkraftbewegung der zweiten Hälfte des 20. Jhdts.

Doch heute werden Bürgerwissenschaftler leider von den etablierten Wissenschaftseinrichtungen für Hilfsdienste wie das Zählen von Vögeln und Insekten unter Anleitung der ‚eigentlichen‘ Wissenschaftler vereinnahmt. So sinnvoll das jeweils auch sein mag: auf so billige Weise sollte man diese Professoren nicht davonkommen lassen. Transdisziplinarität beinhaltet mehr als vornehme Belehrung ‚von oben‘.

Das Dilemma des 21. Jhdts.

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Kein Mensch kann gezwungen werden, zu glauben, was er mit seinem Verstand nicht begreifen kann.
Das gilt nicht nur für die Religion, sondern auch für die Quantenphysik und für die Berechnungen der Künstlichen Intelligenz.
Daran krankt auch das wechselseitige Vertrauen der Menschen, die – befangen im Trott des Immer-so-weiter – einander nichts mehr glauben wollen; nicht einmal das Alltägliche und Offensichtliche.

„How dare you?“

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„How dare you“ fragt Greta Thunberg mit einer Wut, die unter die Haut geht. Wut von der guten Art. Nicht jede Wut gehört unterdrückt. Sie ist kein bloßes Instrument im Werkzeugkasten der Populisten. „Hou dare you“, und nicht nur ihr bricht die Stimme, sondern auch in uns bricht etwas entzwei, eine Illusion, ein Schleier reißt auseinander.

Niemand darf zurückgelassen werden? Kommt drauf an. Wer diese Wut nicht versteht, bleibt von sich aus zurück. Die anderen wachen, hoffentlich, endlich auf.

Trump ging in seiner üblichen Manier polternd an Greta vorbei. Er wird zurückgelassen werden.

Klimaschutz

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Weltweiter Aktionstag für den Klimaschutz.
Ich bin dankbar für diesen Tag. Möglicherweise ist es doch erlaubt, an die Menschen zu glauben.
Doch ist auch Realismus vonnöten. Es gibt die Leugner des Klimawandels, und es gibt die Populisten a la AFD, die schon mit den Hufen scharren, um daraus politisches Kapital zu schlagen.
Aber ja: mit einer solchen gesamtgesellschaftlichen und globalen Mobilisierung für den Klimaschutz wie heute, habe ich schon nicht mehr gerechnet.

Und jetzt werde ich den Fahrradanhänger ans Hinterrad ankoppeln und meine Einkäufe fürs Wochenende erledigen. Mein altes Auto habe ich vor einem Monat einem Autoverwerter überlassen.
Schönes Wochenende!