Päckchen aus dem Morgenland

Das Christkind arbeitet dieses Jahr beim Kurierdienst.

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Werkzeug, Medium und Material

Es ist für mich leichter zu sagen, was Kunst nicht ist als andersrum. Kunst ist nicht das Medium: sie ist kein Buch, keine Leinwand, kein Kino, kein Radio, kein Fernseher, und vor allem ist sie keine Universalmaschine!

Das Wort ‚Medium‘ ist allerdings ebenfalls schwierig zu definieren. Einfacher ist es schon, es vom ‚Werkzeug‘ zu unterscheiden, also etwa vom Pinsel, Meißel oder vom gesprochenen bzw. geschriebenen Wort. An dieser Stelle stimme ich Leroi-Gourhan zu: in diesem Bereich gibt es keinen technischen Fortschritt. Mit dem Pinsel haben Künstler in allen Epochen der Menschheitsgeschichte Höchstleistungen vollbracht.

Allerdings: ist das gesprochene oder geschriebene Wort nun eher ein Medium oder ein Werkzeug?

Diese Frage führt uns zum nächsten Problem: wie soll man das ‚Medium‘ vom ‚Material‘ unterscheiden, also von den Worten im Text, von der Farbe auf der Leinwand oder vom gemeißelten Stein? Sind nicht alle Objekte, alle Dinge, die uns umgeben, gleichzeitig auch Medien unseres Selbstausdrucks? Geht die Kunst nicht in diese Materialien ununterscheidbar ein: in die bemalte Leinwand, in die Skulptur, in die Sprache eines Epos, eines Gedichts?

Ist also auch die Universalmaschine nicht in erster Linie ein Werkzeug, das alle Materialen: Worte, Farben, Töne, 3D-Versionen der dinghaften Welt, gleichgültig ob simuliert oder ausgedruckt, umfaßt und vereint?

Von einer solchen Aufwertung der Technologie halte ich nichts. Welche Art von Können geht hier in welche Art von Gestaltung ein? Welches spezifische Material wird hier transformiert? Mit der Universalmaschine tritt das Werkzeug als Medium an die Stelle von Hand, Gesicht und Gehör. Das menschliche Handeln beschränkt sich auf die Bedienung einer Maschine. Alles, was Kunst ausmacht, der Mensch in der Konfrontation mit sich und der Welt, wird durch eine Universalmaschine ersetzt. Die Welt fällt in dieser Relation weg. Aus dieser Subtraktion geht keine Kunst hervor.

Mein Fahrrad und ich

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Ich habe gerade in eine Hart-aber-fair-Sendung reingeschaut. Dort hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, einigen „Schwachköpfen“ (O-Ton Werner Schneyder) bei der Verteidigung ihres klimazerstörenden Lieblingsspielzeugs, sprich: SUV, zuzuschauen. Und tut mir leid, lieber Plasberg, ich fand es schon ein wenig parteiisch, daß Sie meinten, die betreffenden Damen und Herren – eine der beiden Damen in der Runde setzte ihre Freiheit mit ihrem Porsche Carrera gleich – gegen Schneyder in Schutz nehmen zu müssen.

Das Jahr geht zu Ende, und ich kann jetzt absehen, daß ich dieses Jahr 10.000 Kilometer Rad gefahren sein werde. Das sind pro Tag ca 27 km; und zwar jeden Tag. Einkaufen: Mit Fahrrad und Anhänger. Zur Arbeit: täglich zweimal hin und zurück. Freizeitaktivitäten: selbstverständlich neben anderem auch Radfahren.

Ich bin 58 Jahre alt. Ich bin kein Sportler. Tatsächlich habe ich Sport nie gemocht. Aber als ich 20 Jahre alt war, habe ich den alten VW-Käfer, den ich ein halbes Jahr gefahren bin und dessen Bremsleitung defekt war, verschrottet und bin aufs Fahrrad umgestiegen. Seitdem fahre ich Rad. – Und nein: ich wohne nicht in der Stadt, sondern auf dem Land!

Ich bin so gut wie nie erkältet. Letztens hatte ich mir nach Jahren mal wieder was eingefangen. Weil ich die Heizungsperiode nicht starten wollte und dachte so kalt isses noch nicht.

Und ich stamme vom Planeten Erde. Ich lebe im 21. Jahrhundert. Es geht mir gut. Ich habe keine Einschränkung meiner Lebensqualität oder meiner Freiheit, obwohl ich keinen SUV besitze.

Sozialperspektiven

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Ich unterscheide mit Michael Tomasello zwischen zwei Formen der Sozialität: dem Umgang zwischen zwei Menschen, die zueinander ‚Du‘ sagen (Zweitpersonalität), und dem Umgang von Menschen in Gruppen, die zueinander ‚Wir‘ sagen (Drittpersonalität).

Natürlich sagen auch die Menschen in der Gruppe ‚ich‘ und ‚du‘, aber das sagen sie immer vor dem Hintergrund eines ‚Wir‘, und sie schließen damit andere, die nicht zu dem ‚Wir‘ gehören, aus. Und umgekehrt sagen auch zwei Menschen, die sich als ‚Ich‘ und ‚Du‘ begegnen, ‚wir‘. Aber dieses ‚wir‘ wird vom ‚Du‘ getragen, wo immer sich zwei Menschen begegnen, und hätte ohne es keine Bedeutung. Vielleicht ist sogar das Wort ‚Mensch‘noch zu eng, denn Martin Buber wollte auch seine Katze nicht aus dem ‚Du‘ ausgeschlossen wissen, und Hanns Henny Jahnn sprach von der Schöpfung als einem Fluß ohne Ufer.

Deshalb ist die einzig wirklich universelle Umgangsform, die niemanden ausschließt, die Zweitpersonalität, denn sie konstituiert sich in jeder Begegnung zwischen Zweien. Das drittpersonale ‚Wir‘ hingegen konstituiert sich nur unter Menschen, die zu einer bestimmten Gruppe gehören. Wer einer anderen Gruppe zugeordnet wird, ist nicht mitgemeint.

Ich unterscheide hier versuchsweise zwischen einem Stammesgruppen-‚Wir‘ und einem zivilgesellschaftlichen ‚Wir‘. Das Stammesgruppen-‚Wir‘ ist noch weitgehend gemeinschaftlich geprägt. In der Zivilgesellschaft ist das ‚Wir‘ auf Interessengruppen bezogen, die sich innerhalb der Gesellschaft organisieren und zu behaupten versuchen. Dieses Interessen-‚Wir‘ muß sich vor der Zivilgesellschaft immer rechtfertigen. Bestimmte Formen von Interessengruppen haben sich speziell in Deutschland geschichtlich diskreditiert. Dazu gehört das ‚Volk‘. Außer im Gericht oder bei der Konstitution einer Regierung wird es tunlichst vermieden, vom deutschen ‚Volk‘ zu sprechen. Wer es dennoch tut, steht vor den Augen einer demokratischen Öffentlichkeit ganz besonders unter Rechtfertigungsdruck.

Wenn sich das ‚Wir‘ in der Gesellschaft also immer hinsichtlich seiner Legitimität rechtfertigen muß, gilt das für die Zweitpersonalität nicht. ‚Ich‘ und ‚Du‘ sind in ihrer Begegnung von jeder Rechtfertigung befreit. ‚Ich‘ und ‚Du‘ sind wir kraft unserer Existenz. Diese zweitpersonale Gemeinschaft löst sich in dem Moment auf, wo zwei sich gegenüber ein drittes hinzukommendes ‚Du‘ abzugrenzen versuchen und ein ‚Wir‘ bilden, das den Hinzukommenden ausschließt. Letztlich kommt es aber nicht auf die Zahl der einander begegnenden Menschen an, nur darauf, daß sie ‚Du‘ zueinander sagen, ohne im Hintergrund an ein ‚Wir‘ zu denken.