Noch so ein Rest

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Apropos Leben als „schäbiges“, „feuchte Wärme“ absonderndes „Ding“ (Slavoj Žižek (2018)) – Siri Hustvedt weiß in ihrem Buch „Die Illusion der Gewissheit“ (2018) von Richard Dawkins ähnliche Phantasien zu berichten: „In ‚Der blinde Uhrmacher‘ (1987) legt Dawkins seine Grundannahmen offen. In der für ihn charakteristischen Deutlichkeit schreibt er: ‚Wenn wir das Leben verstehen wollen, so dürfen wir nicht an vibrierende, pochende Gele und Schlamme denken, sondern an Informationstechniken.‘()“ (Hustvedt 2018, S.183)

Siri Hustvedt fragt sich, ob „das vibrierende, pochende Gallerartige und Schlammige ein Kürzel für unser Gewebe und Blut“ sein soll: „Will er seinem Leser damit signalisieren, wer glaubt, das Leben beginne als eklige, klumpige, schleimige, feuchte Masse im Körper einer Frau, der irrt sich?“ (Hustvedt 2018, S.184)

Hustvedt bringt es auf den Punkt: Alle diese Vergleiche biologischer Organismen mit Informationstechniken und Informationsverarbeitung täuschen nur darüber hinweg, daß das Leben seinen Ursprung im Körper einer Frau hat!

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Zum Realen und dem ganzen Rest

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(Bei diesem Blogpost handelt es sich um eine Zusammenfassung meiner für Anfang Dezember in meinem Blog „Erkenntnisethik“ geplanten Rezension zu Slavoj Žižek, Disparitäten, Darmstadt 2018 (2016))

Zum Kreis der Denker, auf die sich Slavoj Žižek in seinem Buch „Disparitäten (2018) beruft, gehören neben Hegel, Freud und Heidegger auch Julia Kristeva (*1941) und Jacques Lacan (1901-1981). Žižek zufolge entspricht die von Lacan beschriebene Differenz zwischen dem Realen und der Realität Heideggers „ontologischer Differenz“. (Vgl. Žižek 2018, S.29) Was genau das Reale bzw. die Realität ist, wird von Žižek nicht definiert. Von den Lesern wird erwartet, daß sie diese Begriffe kennen. Entsprechend dem Gebrauch, den Žižek von ihnen macht, haben wir es bei dem Begriff der Realität mit einer Erfahrungsebene zu tun, die die Phänomenologen als „Lebenswelt“ bezeichnen. Die Realität, in der die Dinge „schlicht und einfach“ sind, „was sie zu sein scheinen“ (vgl. Žižek 2018, S.125), bildet Žižek zufolge ein „imaginäre(s) Gemisch von zurückliegenden Ereignissen und früheren Bewertungen“ (vgl. Žižek 2018, S.304).

Das Reale hingegen besteht aus allem, was in dieser Realität nicht aufgeht, also aus dem ganzen „Rest“. (Vgl. Žižek 2018, S.36) Mit Verweis auf Julia Kristevas „Abjektion“ läßt Žižek das Reale zwischen einem krakenartigen Geschichtsdämon, der unberechenbar die Meeresoberfläche oder die Erdkruste durchbricht und machtvolle Imperien zusammenbrechen läßt, und dem Elend der Geburt als Abscheidung des Kindes vom Mutterleib changieren. (Vgl. Žižek 2018, S.9, 12, 203f.) Für den ontologischen Status dieses Realen findet Žižek drastische Worte: der in der lebensweltlichen ‚Realität‘ nicht aufgehende ‚Rest‘ bildet „ein überschüssiges exkrementelles Element ohne Wert“, vergleichbar den Unberührbaren im indischen Kastensystem. (Vgl. Žižek 2018, S.22) Ein krasses Bild: Ausscheidungen, Sekrete, Geburten und gesellschaftliche Stratifizierung – alles dieselbe ontologische Kategorie! Sogar Christus ist nur eine Abstoßung Gottes von sich selbst. (Vgl. Žižek 2018, S.16)

Anders als bei den universellen Menschenrechten geht es hier nicht darum, die Unberührbaren den anderen Menschen gleichzustellen, sondern darum, „den exkrementellen Status zu verallgemeinern und auf die ganze Menschheit auszudehnen“. (Vgl. Žižek 2018, S.23) Mit anderen Worten: Die Orientierung nach oben, also die Anerkennung der Würde aller Menschen, wird durch eine Orientierung nach unten ersetzt. Niemand ist würdig, weil die Würde selbst verdächtig und im exkrementellen Sinne ‚anrüchig‘ ist.

Aus zwei Gründen haben wir es hier trotz der aufgezählten Parallelen zwischen Lacan/Žižeks ‚Realität‘ und der Lebenswelt mit dem Gegenteil einer Phänomenologie zu tun. Aus allgemein phänomenologischer Sicht gibt es weder eine Grenze der Lebenswelt, in dem Sinne, daß sie nicht ‚umfassend‘ genug sei, um alles zu beinhalten, noch gibt es eine innere Wahrheit, auf die die Lebenswelt zurückgeführt werden könnte. Die Lebenswelt ist allumfassend und weder wahr noch falsch. Sie kann zusammenbrechen, aber aus dem Zusammenbruch geht keine Wahrheit hervor.

Der zweite Grund, warum Lacan/Žižeks Realitätsbegriff und die Phänomenologie, um es mit Žižeks Worten zu sagen, ‚disparat‘ zueinander sind, hat mit Helmuth Plessner zu tun und besteht darin, daß Žižek zufolge mit der Realität keine Grenze zwischen Innen und Außen gezogen wird. (Vgl. Žižek 2018, S.203) Die Realität bei Lacan/Žižek bildet nur ein Epiphänomen der symbolischen Ordnung, „welche kein Außen hat (sobald wir in ihr wohnen), weil sie sich immer selbst voraussetzt“. (Vgl. Žižek 2018, 337)

Das menschliche Bewußtsein bzw. die symbolische Ordnung – denn letztlich deckt die symbolische Ordnung bei Lacan/Žižek alles ab, was das menschliche Bewußtsein ausmacht – konstituiert sich also nicht auf der Grenze zwischen Innen und Außen, wie bei Helmuth Plessner, sondern als Sprache, und die ist, sobald sie einmal da ist, immer schon dagewesen. (Vgl. Žižek 2018, S.338) Es gibt kein vorsprachliches Bewußtsein.

Das ist nicht nur im phänomenologischen Sinne nicht akzeptabel. Es stimmt auch etwas mit dieser „selbstbezüglich(en) Totalität“ (Žižek 2018, S.338) der symbolischen Ordnung nicht. In den Momenten, wo sich das Innere nach außen kehrt und das Reale in Form von Exkrementen, eiternden Wunden und anderen Sekreten sichtbar wird, reagieren wir darauf mit Ekel. (Vgl. Žižek 2018, S.190ff.) Dieser Ekel ist die einzige Form, in der Žižek den menschlichen Körper thematisiert. Als Basis und Ort von Bewußtseinserlebnissen kommt er bei ihm nicht vor.

Dennoch schimmert gerade hier, im Ekel, etwas bei Žižek durch, ein seelisches Bedürfnis, das wir bereits von Plessner kennen. Bei beiden geht es um ein Verhalten zur Grenze zwischen Innen und Außen. Plessners Seele beinhaltet eine expressive Ambivalenz: wir suchen die Verständigung mit anderen Menschen, scheuen aber zugleich davor zurück, falsch verstanden zu werden; oder auch davor, richtig verstanden zu werden. Denn wir sind uns unserer selbst nicht sicher und scheuen deshalb das vernichtende Urteil der Anderen, die sich möglicherweise von uns abwenden, wenn sie uns durchschaut haben und wir uns ihrer Aufmerksamkeit nicht als würdig erwiesen haben.

Diese Angst ist der Kern von Žižeks Ekel. An die Stelle von Plessners Expressivität treten Exkremente, deren Wesen darin besteht, nur noch negativ, als Gestank, auf ein würdeloses Innen verweisen zu können: „Das Leben ist eine ekelerregende Sache, ein schäbiges Ding, das aus sich selbst herausdrängt, feuchte Wärme absondert, kriecht, stinkt, wächst. Die Geburt eines Menschen ist selbst ein alienartiges Ereignis, ein ungeheuerliches, monströses Geschehen, bei dem ein großer, dummer, haariger Körper aus dem Inneren eines Leibes hervorbricht und herumkriecht.“ (Žižek 2018, S.192)

Žižeks Buch wirft Fragen auf, nicht zuletzt die Frage, inwiefern der Mensch es wert ist und inwiefern er es sich selbst wert ist, ein Mensch zu sein. Antworten darauf bleibt dieses Buch schuldig.

Noli excrementum tangere!

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Helmuth Plessner beschreibt die Seele als ein Verhalten auf der Grenze zwischen Innen und Außen. Sie will sich ausdrücken, fürchtet sich aber davor, (falsch) verstanden zu werden. Sie fürchtet sich davor, berührt zu werden.

Slavoj Žižek beschreibt den Ekel als eine Reaktion auf die Umstülpung unseres Inneren nach außen. Wir ekeln uns vor dem Gestank unseres ausgestoßenen Innern und fürchten uns davor, es zu berühren.

Manchmal genügt nur ein ganz kleiner Unterschied, und aus Würde wird Scheiße.

Expressivität

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Bei Slavoj Žižek (2018) lese ich. daß der Ekel etwas ist, was mit der Verletzung der Grenze zwischen Innen und Außen zu tun hat. Wir ekeln uns vor unseren Ausscheidungen, vor eiternden Wunden und Exkrementen, weil sich in ihnen unser Innerstes nach Außen kehrt.

Genau das aber bezeichnet Plessner als „Seele“: sie fürchtet die Sichtbarkeit und zieht sich in das nächtliche Dunkel zurück. Mit Recht könnten wir also sagen: Scheiße und Seele sind dasselbe! Hätte sich aus ihr die Seele nicht schon längst zurückgezogen.

Zandra

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In dem Spirou-Comic „Die Tochter des Z“ erfährt Zandra, daß sie kein sechzehneinhalbjähriges Mädchen ist, sondern eine von ihrem vermeintlichen Vater erschaffene Androidin. Auf einer mindestens fünfzehn Meter tiefen Unterwasserklippe hockend sinniert Zandra:

„Deshalb habe ich mich immer fremd gefühlt wie ein Fisch auf dem Trockenen … Ich weiß nicht mal mehr, was meine echten Erinnerungen sind und welche man mir eingeflüstert hat …“

Liebe Zandra, mach Dir deswegen keinen unnötigen Kummer. Das ist die normale Befindlichkeit jedes pubertierenden Teenagers, auch wenn sie nicht gerade fünfzehn Meter unter Wasser vor sich hin brütet, und deshalb keineswegs exklusiv für eine KI. Und Helmuth Plessner findet sogar, daß es das Kennnzeichen echter Menschhlichkeit ist. Er nennt es „exzentrische Positionalität“.

Also alles gut!

Oder auch nicht …

Marmeladengeschenke

Ich finde im Kühlschrank nur eine Erdbeermarmelade! Ich habe mich mal an Erdbeermarmelade überfressen. Jahrelange habe ich keine andere Marmelade gegessen. Jetzt mag ich sie nicht mehr. Wo ist die Johannesbeermarmelade, die mein Vater aus den Johannisbeeren aus seinem Garten herstellt?

Ich gehe in den Keller, um sie zu suchen. In dem Raum mit den beiden Tiefkühltruhen durchsuche ich alle Fächer und Schubladen des alten Küchenschranks (Gelsenkirchener Barock); viele leere Gläser, ein paar volle Weinflaschen, aber keine Johannisbeermarmelade.

Dann dursuche ich die Schränke in der Küche nach Honig, denn die Erdbeermarmelade will ich auf keinen Fall! Der Kaffeeautomat gluckert, die Mohnbrötchen auf dem Eßtisch warten, ich werde zunehmend gereizter und beginne zu fluchen. Ich finde keinen Honig!

Schließlich füge ich mich ins Unvermeidbare und esse meine Brötchen mit der verhaßten Erdbeermarmelade.

Als schließlich mein Vater auftaucht, frage ich ihn, was aus der Johannisbeermarmelade geworden ist. Ich erfahre, daß meine Schwester! (danke, liebe Schwester) die Erdbeermarmelade mitgebracht hat. Sie selbst hat sie von Freunden, und jetzt ist sie bei meinem Vater gelandet, der erst wieder Johannisbeermarmelade macht, wenn die von meiner Schwester mitgebrachte Erdbeermarmelade aufgegessen ist.

Es ist das ewige Drama der selbstgemachten Marmeladengeschenke, die irgendwelche unvermeidlichen ‚Freunde‘ machen, bei denen man zu höflich ist, um neinzusagen, und die dann flugs weiterverschenkt werden, bis sie dann bei jemandem landen, bei jemandem wie  meinem Vater, der diese widerlich süße Marmelade, deren Geschmack ich jetzt den ganzen Tag im Mund haben werde, weg-ißt, weil er prinzipiell nichts Eßbares weg-schmeißt.

Und so beginnt mein erster Feriensommertag mit einem Erdbeermarmeladenmohnbrötchen. Armes Mohnbrötchen.

Fürchtet euch (nicht) !

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(Bei diesem Blogpost handelt es sich um den ersten Teil meiner Anfang November in meinem Erkenntnisethik-Blog erscheinenden Besprechung von Max Tegmark, Leben 3.0. Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz, Berlin 2017)

Hans Jonas hatte 1979 in seinem Buch „Das Prinzip Verantwortung“ angesichts der Folgekosten der technischen Entwicklung einen ethischen Imperativ für die wissenschaftliche Forschung aufgestellt: an die Stelle des Optimismusses, demzufolge alles, was wir machen können, auch gemacht werden soll, habe die „Heuristik der Furcht“ zu treten, also ein vernunftgesteuerter Pessimismus, der immer vom Schlimmsten ausgeht. Wie wir heute wissen, hat sich Jonassens Heuristik nicht durchgesetzt. Stattdessen werden wir von einer Welle von technologischen Innovationen überschwemmt, von denen jede einzelne das Potential hat, das Gesicht nicht der Menschheit, sondern unserer Menschlichkeit bis zur Unkenntlichkeit zu verunstalten. Die „Heuristik der Fucht“ wird als „German Angst“ bzw. als „German Vorsicht“ verunglimpft.

Inzwischen ist aber bei der fortschrittsgläubigen wissenschaftlichen Avantgarde, bei den KI-Forschern, angesichts dessen, was sie technologisch für möglich halten, eine Art leichtes Unwohlsein aufgekommen. Sie scheuen sogar vor Vergleichen der maschinellen Superintelligenz, an der sie ansonsten so engagiert arbeiten, mit der Atombombe nicht zurück: sogar noch gefährlicher als diese soll sie sein! (Vgl. Tegmark 2017, S.477) Und Max Tegmark, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), Autor von „Leben 3.0. Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz“ (2017), hat sogar 2015 eine Konferenz zur „Sicherheitsforschung“ initiiert, bei der es ausschließlich um die Gefahren der Künstlichen Intelligenzforschung ging (Tegmark 2017, S.57ff.) und auf der der Hinweis darauf, daß es Leute gebe, die tatsächlich der Meinung seien, KI-Sicherheitsforschung sei etwas für Technikfeinde, „großes Gelächter im Saal“ hervorrief (vgl. Tegmark 2017, S.68).

Die Fragen, die Tegmark stellt, nach der Zukunft von Jobs und Löhnen, nach der Zukunft von Gesellschaftssystemen und nach dem individuellem Lebenssinn erinnern in ihrer Bedrohlichkeit an Hans Jonas. Doch Tegmarks Botschaft ist paradox. Sie lautet: Fürchtet euch nicht! – Wenn wir uns nur früh genug Gedanken über die Sicherheit machen, also über die möglichen desaströsen Folgen einer maschinellen Superintelligenz und ihre Vermeidung, dann wird nicht nur alles gut werden, sondern wir werden sogar eine phantastische Zukunft haben! Wir werden den „zu 99,999999 Prozent“ toten Planeten Erde (vgl. Tegmark 2017, S.325) verlassen und das Universum besiedeln, denn alles, was uns „Wissenschaftler und Sciencefiction-Autoren“ bislang über die Zukunft der Menschheit erzählt haben, ist angesichts des tatsächlich technisch Möglichen „übertrieben pessimistisch“ gewesen (vgl. Tegmark 2017, S.337).

Tegmarks „KI-Sicherheitsforschung“ bildet also nur eine weitere Spielart des naiven Fortschrittsglaubens, der zudem noch – wenn es um Begriffe wie „Intelligenz“, „Bewußtsein“ und „Leben“ geht – mit unzureichend analysierten Begriffen hantiert, die aber zur Voraussetzung genau jener Spekulationen über die Möglichkeiten ihrer Digitalisierung und der damit verbundenen kosmischen Evolution (Leben 3.0) werden, die den größten Teil von Tegmarks Buch in Anspruch nehmen. Denn einerseits gibt Tegmark in aller (naiven) Offenheit zu, daß wir es beim ‚Leben‘, bei der ‚Intelligenz‘ und beim ‚Bewußtsein‘ mit Phänomenen zu tun haben, über die wir wenig bis gar nichts wissen: „Selbst unter intelligenten Intelligenzforschern herrscht keine Einigkeit über die Beschaffenheit von Intelligenz! Es gibt also eindeutig keine unumstrittene ‚korrekte‘ Definition von Intelligenz.“ (Tegmark 2017, S.80)

Und an anderer Stelle: „Ähnlich wie bei ‚Leben‘ und ‚Intelligenz‘ gibt es keine eindeutig korrekte Definition des Wortes ‚Bewusstsein‘.“ (Tegmark 2017, S.421)

Doch andererseits macht Tegmark aus dieser Unkenntnis geradezu eine Tugend; denn er nimmt sich die Freiheit, die Begriffe so zu definieren, wie es ihm paßt, so daß sie mit der avisierten maschinellen Superintelligenz kompatibel sind. Er eliminiert aus ihnen alles, was sie an spezifisch menschlichen Merkmalen beinhalten. (Vgl. Tegmark 2017, S.43, 80, 421f.) Tegmark ist sogar noch stolz über dieses Definitionsparadox, das darin besteht, alle die Merkmale, die zur Definition des Bewußtseins gehören, aus seiner Definition von vornherein auszuschließen: „Um wertschätzen zu können, wie umfassend unsere Definition des Bewusstseins ist, sollten Sie beachten, dass darin weder Verhalten, Wahrnehmung, Selbstbewusstsein, noch Emotionen und Aufmerksamkeit erwähnt werden.“ (Tegmark 2017, S.422)

Es ist also nicht überraschend, daß es unter den KI-Forschern zwar keine „Technikfeinde“ gibt (vgl. Tegmark 2017, S.68, 287), dafür aber „Techno-Skeptiker“, deren einziger Unterschied zu den „Digitalen Utopisten“, die an eine digitale Expansion des ‚Lebens‘ im Weltraum glauben (vgl. Tegmark 2017, S.51ff.), darin besteht, daß eine „übermenschliche KI“, die diese Expansion ermöglichen würde, „in den nächsten hundert Jahren nicht zu erwarten sei“, wir bis dahin also noch viel Zeit haben, uns Gedanken zu machen (vgl. Tegmark 2017, S.54). Sich selbst ordnet Tegmark der dritten Gruppe von KI-Forschern zu, der „nutzbringenden KI-Bewegung“ (beneficial AI movement), die davon ausgeht, daß vor der – letztlich unvermeidlichen – Realisierung einer Superintelligenz noch einige „entscheidende Fragen“ zu klären seien, nämlich wie man dieser Superintelligenz beibringen könne, dem Menschen zu nutzen, anstatt ihm zu schaden. (Vgl. Tegmark 2017, S.55ff.)

In diesen Fragen sind sich aber alle drei KI-Forschergruppen einig, so daß Tegmarks Einteilung der KI-Forschung in drei Gruppen letztlich belanglos ist. Alle sind unverbesserliche Optimisten – Tegmark zieht das Adjektiv ‚achtsam‘ vor – und halten nichts von Jonassens Heuristik der Furcht: „Um ein achtsamer Optimist zu werden, ist es entscheidend, positive Visionen für die Zukunft zu entwickeln.“ (Tegmark 2917, S.485)

Dennoch gibt es etwas, vor dem auch Tegmark sich fürchtet. Nicht etwa vor der potentiellen Bedrohung durch eine außer Kontrolle geratene KI-Superintelligenz! Mit ein bißchen vorsorglicher Sicherheitsforschung sollte sich sie sich wohl eindämmen lassen. Auch nicht vor den Folgen einer Klimakatastrophe, die Tegmark gelegentlich mal am Rande erwähnt. Mit Hilfe des technologischen Fortschritts werden wir auch dieses Problem in den Griff kriegen. (Vgl. Tegmark 2017, S.499, Anm.4) – Wovor sich Tegmark wirklich fürchtet, das ist die „Kosmokalypse“ (Tegmark 2017, S.342), also der Untergang des Universums in „Zigmilliarden Jahren“: „Ohne Technik steht unsere Auslöschung im kosmischen Kontext in einigen Zigmilliarden Jahren bevor, so dass das ganze Drama des Lebens in unserem Universum lediglich ein kurzes Aufblitzen von Schönheit, Leidenschaft und Bedeutung ist in einer annähernden Ewigkeit der Bedeutungslosigkeit, die niemand je erleben wird.“ (Tegmark 2017, S.367)

Die Kosmokalypse – und zwar ohne daß wir bis dahin eine bewußtseinsfähige Super-KI geschaffen haben, die möglicherweise sogar in der Lage wäre, auch noch den Untergang des Universums zu überleben – bildet für Tegmark den Anlaß für seine persönliche Version eines wissenschaftsethischen Imperativs: die Erschaffung einer Super-KI soll sein, um (digitales) Bewußtsein in allen Winkeln des Universums und darüberhinaus zu verbreiten!

Wer fängt hier an, mit Tegmark zu träumen?
Wer fürchtet sich hier mit dem Rezensenten vor der Furcht des KI-Forschers?
Wer teilt mit ihm die Sorge, daß solche kosmischen Visionen konkrete planetarische Bedrohungsszenarien wie den Klimawandel entwichten?

Gefühle & Informationen

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Antonio Damasio (2017) schreibt, Gefühle seien keine Informationen. Gefühle sind substratabhängig, d.h. ihre Grundlage bildet eine spezifische Biochemie, die nicht austauschbar ist. Ein anderes Substrat, andere Gefühle, wenn dann überhaupt noch von Gefühlen die Rede sein kann. Ohne Gefühle sei menschliche Intelligenz nicht vorstellbar.

Max Tegmark (2017) schreibt, Informationen seien substratunabhängig: sie lassen sich auf jeder beliebigen Materie, deren Zustände sich kontrollieren lassen, speichern und verarbeiten. Gleichzeitig behauptet Tegmark, die menschliche Intelligenz sei nichts anderes als eine Form der Informationsverarbeitung.

Wenn aber für die menschliche Intelligenz Gefühle unverzichtbar sind und Gefühle substratabhängig sind und deshalb keine Informationen sein können, dann kann die menschliche Intelligenz auch nicht eine Form der Informationsverarbeitung bilden.

Wer hat Recht: der Biologe oder der KI-Forscher?

Wozu Ziele?

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Die KI-Forscher machen sich Sorgen, daß die Ziele, die sich eine Superintelligenz setzt, eventuell mit denen von uns Menschen nicht übereinstimmen könnten. Abgesehen davon, daß nicht einmal wir Menschen in der Lage sind, unsere Ziele untereinander abzustimmen: Wozu Ziele?

Ist es nicht eher das Problem, daß Maschinen, sind ihnen einmal Ziele gesetzt – von wem auch immer –, nicht mehr davon ablassen können, sie zu erreichen, bis zu dem Punkt, wo sie sie erreicht haben? Gleichgültig welche ‚Umwege‘ sie dabei in Kauf nehmen müssen? Es ist durchaus menschlich, daß wir von Zielen, die wir uns gesetzt haben, auch wieder Abstand nehmen können, bevor wir sie erreicht haben. Wir können umschwenken und uns neue Ziele setzen, von denen wir dann auch wieder Abstand nehmen können usw. Es soll sogar durchaus intelligente Menschen geben, die gar nicht die Absicht haben, irgendwelche Ziele zu erreichen.

Das Problem ist: es gibt keine ‚gutartigen‘ Ziele, bei denen auf dem Weg zu ihrer Realisierung die Menschen nicht irgendwann einmal zum Problem werden. Was macht die Superintelligenz dann? Nimmt sie Abstand von ihren Zielen?

Liebe KI-Forscher, berücksichtigt bitte, daß die menschliche Intelligenz nicht wie ein Computer funktioniert. Oder anders formuliert: Es mag Intelligenz jenseits der menschlichen geben. Aber es gibt auch Intelligenz jenseits der Informationsverarbeitung.

Übermenschliche Intelligenz

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In der Diskussion um eine künstliche Superintelligenz wird die menschliche Intelligenz als eine Stufe zur Superintelligenz wahrgenommen. Die Frage ist dann, wie lange es braucht, bis es Maschinen gibt, die das Niveau allgemeiner menschlicher Intelligenz erreichen, und wann sie dann das Niveau einer allgemeinen übermenschlichen Intelligenz erreichen oder ob sie überhaupt jemals diese Stufe erreichen werden.
Ich bin aber überzeugt, daß Maschinen niemals ein menschliches Niveau erreichen werden. Allerdings halte ich es sehr wohl für möglich, daß sie ein übermenschliches Niveau erreichen könnten. Diese Maschinen werden sich mit ihrer Intelligenz an uns vorbeientwickeln und uns dabei links liegen lassen, ohne in irgendeiner Weise mit unserer Menschlichkeit in Berührung zu kommen.
Genau das macht mir Sorgen!