Arithmetik

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Auf der Grenze bilden Innen und Außen nur noch zwei Richtungen unserer Aufmerksamkeit.

Kommt ein zweiter Mensch hinzu, verdoppelt sich die Grenze, aber die Richtungen vervierfachen sich:
Zunächst kommen für uns die zwei Richtungen auf der Grenze des anderen Menschen hinzu: also vier Richtungen. Dann müssen wir aber berücksichtigen, daß dies nur für uns selbst gilt. Für den anderen Menschen gilt, daß auch für ihn auf seiner Grenze mit uns zwei Richtungen hinzu kommen: also weitere vier Richtungen. Nur wenn wir diese Perspektive des anderen Menschen in unsere Aufmerksamkeit mit einbeziehen, erfassen wir die volle Dimension unserer gemeinsamen Intentionalität.

Die gemeinsame Intentionalität können wir nicht mehr kontrollieren, als wäre sie unsere eigene. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, die Kontrolle zu behalten, die sich, was auf den ersten Blick als verwunderlich erscheinen mag, durchaus gut miteinander vertragen:
Erstens: wir reduzieren die zweite Grenze auf unsere eigene. Damit beziehen wir das Innen des anderen Menschen auf unser eigenes Innen und reduzieren ihn auf sein emblematisches Äußeres: das ist der Anfang eines Schwarms bzw. der Masse, die in sich selbst verliebt ist.
Zweitens: wir leugnen die Grenze des anderen Menschen und isolieren ihn als ein für uns prinzipiell fremd bleibendes Innen, gleichgültig wie menschlich er sich uns zeigt: das ist der Anfang von Haß und Krieg bis hin zur Vernichtung von allem was anders ist.

Nur wenn wir der Versuchung widerstehen, die Vervierfachung der Richtungen zu reduzieren, bleiben wir offen für die unheilige Weite des Blicks.

Entmündigung

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In früheren Zeiten projizierten die Menschen ihr Potential auf die Götter und mußten es sich dann mühsam wieder zurückerobern. Das eine nannte man Mythos, das andere nannte man Aufklärung.

Heute exteriorisieren wir unser Potential auf Maschinen, die wir auch – eine weitere, ins Ethische sich erstreckende Enteignung – als Universalmaschinen bezeichnen.

Bald werden wir unser volles menschliches Potential wieder zurückerobern müssen. Diesmal von den Maschinen.

Hundert Euro

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Heute morgen beim Einkaufen bei REWE wollte ich hundert Euro abheben. Die Verkäuferin fragte mich, ob es auch ein Hundert-Euro-Schein sein dürfe. Ich meinte, daß Hundert-Euro-Scheine in den Geschäften wohl noch angenommen würden, und die Verkäuferin erwiderte: „Zumindestens solange es sie noch gibt!“

Ich frage, ob die jetzt auch abgeschafft werden sollten, und die Verkäuferin
antwortet: „Ich meine überhaupt Bargeld!“

Ich: „Wir sollten das lieber nicht beschreien. Die ganze Abhängigkeit von der Technik! Ich habe noch nicht mal ein Handy.“
Sie: „Aber die jungen Leute! Die sind ja ganz scharf darauf.“

Ich mache eine Geste, die andeuten soll, was ich von diesen ‚jungen Leuten‘ halte, und sage etwas, von dem ich früher nie gedacht hätte, daß ich das jemals sagen würde: „Die werden eben erst aus Schaden klug!“
Sie: „Aber dann ist es zu spät!“

Zwei Phrasen wie sie klischeehafter nicht sein können. Und trotzdem so richtig wie eh und je.

Defendor

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Wer das Trump-Phänomen nachvollziehen will, sollte sich unbedingt „Defendor“ (2009) mit Woody Harrelson ansehen!

Ich habe mir gerade eine DVD-Aufnahme angesehen, die ich vor einiger Zeit gemacht habe. Die Parallelen zu Trump sind offensichtlich, mit dem einen und anderen vielsagenden Unterschied. ‚Defendor‘, gespielt von Woody Harrelson, ist ein einfacher US-Amerikaner, der mit seinem Leben nicht klarkommt und sich, um nicht er selbst sein zu müssen, Nacht für Nacht in einen Comic-Superhelden verwandelt, um den Schwachen und den Opfern beizustehen und für das Gute, für Gerechtigkeit oder so zu kämpfen. Seine Hauptwaffen: Glasmurmeln und ein wildgewordener Wespenschwarm. Dabei ist er in seinem ‚normalen‘ Leben aber ein herzensguter, liebevoller  Mensch. (Schon mal ein gravierender Unterschied zu Trump.)

Als seine Freunde, ein Ehepaar mit ihrem Sohn, ihn in einem Krankenhaus besuchen, weil er einen Sprayer vor korrupter Polizeigewalt schützen wollte und von den Officern niedergeschlagen worden war, fragt die Mutter den Jungen: „Und was lernen wir daraus?“ – Der Junge schlägt vor, nie ohne Waffe aus dem Haus zu gehen. Die Mutter ist entsetzt, wozu auch ihr Mann beiträgt, als er meint: „Naja, manchmal muß man auch mal zurückschlagen dürfen.“

Eine Psychologin, die ‚Defendor‘ wegen eines Gesetzesverstoßes ‚beurteilen‘ soll – er hat den Vater einer Freundin, die von ihrem Vater mißbraucht worden war, kopfüber in eine Mülltonne gesteckt –, hört sich seine Geschichte an, und fragt ihn schließlich, warum ihn wohl alle Leute so mögen. Auf seinen fragenden Blick hin erklärt sie ihm: weil er so grundehrlich sei. (Ein weiterer gravierender Unterschied zu Trump.)

Defendor bestreitet das: „Ich lüge manchmal.“ – Natürlich lügt er manchmal; schließlich verbirgt er seine Identität und trägt eine Maske, wenn er als Defendor auftritt. Aber die Psychologin beirrt das nicht. Dem Richter empfiehlt sie, ihn laufen zu lassen, weil er eine Gefängnisstrafe nicht überleben würde.

Es sterben auch Menschen wegen Defendor. Er stört eine Undercover-Ermittlung gegen „Captain Industry“, einem serbischen Mädchen- und Waffenhändler. Ein zur Mädchenhändlerbande gehöriger verdeckter Ermittler, der ihn mit Gummikugeln niederschießt – was ihn darin bestärkt, daß er gegen Kugeln immun sei –, wird von ‚Captain-Industry‘ erschossen. Und mit ihm noch zwei weitere Polizisten. Auch Defendor stirbt am Ende, als mit seiner Hilfe die Mädchenhändlerbande gestellt wird. Die schon erwähnte Freundin, die bislang als Prostituierte gearbeitet hatte, besinnt sich daraufhin – mit Hilfe entsprechender Ermahnungen des sterbenden Defendor – eines Besseren und wird Schriftstellerin.

So viel in aller Kürze. Typisch Hollywoood eben. Aber so absurd, wie es in der Kürze klingt: es ist keineswegs komisch oder lächerlich! Woody Harrelson spielt den Defendor glaubwürdig und untheatralisch. Ein Mensch. Ein Mensch wie wir alle.

Wo ist die Parallele zu Trump? Eine Reporterin fängt den Freund, dessen Sohn Defendor vor einem fatalen Autounfall bewahrt hatte, nach der Gerichtsverhandlung ab, um ihre Hilfe anzubieten. Sie will die Öffentlichkeit für ihn mobilisieren. Da braucht es dann am Ende nicht viel. Die Menschen springen begeistert auf ihre Story an: Endlich einer, ein Mann aus dem Volk, ein Mensch wie wir alle, der es der Welt einmal so richtig zeigt! Einer, der nicht viele Worte macht und der einfache Wahrheiten ausspricht! Einer, der etwas tut! Einer, der nicht korrupt ist! Was macht es da schon, wie ein Radiohörer andächtig ins Telephon flüstert, daß er offensichtlich nur einen IQ von 80 hat?

Auf so einen haben sie alle schon lange gewartet. Und so wurde Trump Präsident. Und auch jetzt noch, wo er Präsident ist, beglückt er Nacht für Nacht die Welt mit seinen Twitterbotschaften. Und seine Wähler stehen zu ihm, ihrem Comic-Superhelden.

Rückblick

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Helmut Kohl ist gestorben: ein Anlaß, zurückzublicken.
In der BRD hat es meiner Zählung nach 20 Jahre SPD-Regierung und 48 Jahre CDU-Regierung – davon 16 Jahre unter Kohl – gegeben.
Keine Ahnung was die BRD-Bürger an der CDU finden, daß sie sie immer und immer wieder an die Regierung wählen. Merkel scheint gerade ebenfalls auf einen Langzeitrekord zuzusteuern und mit Kohl gleichzuziehen.

Zwei Lehren kann man daraus ziehen. Erstens: Es kommt auf die Opposition an. Keine Partei hat die BRD in den letzten 37 Jahren mehr geprägt als die Grünen. Die Grünen haben ein Thema gesetzt, das mit der Zeit immer wichtiger geworden ist und inzwischen kein vernünftiger Politiker in keiner demokratischen Partei mehr ignorieren kann. In der Regierung versuchen die Parteien zwar mehr oder weniger die klassische Politik fortzusetzen und setzen weiterhin auf Wachstum und immer wieder Wachstum. Aber in der Gesellschaft hat längst ein Bewußtseinswandel begonnen. Schließlich hatte sogar eine CDU-Kanzlerin kapituliert und den zunächst annullierten Automausstieg wieder in Kraft gesetzt. Die Grünen waren nie erfolgreicher gewesen, als in der Opposition. Es kommt auf die Opposition an, nicht auf die Regierung.

Zweitens: Als Genscher mitten in der Legislaturperiode der SPD den Rücken zukehrte, zur CDU rüberwechselte und Kohl auf den Kanzlerthron hob, hatte Herbert Wehner prophezeit, daß die SPD lange, lange Zeit nicht mehr an die Macht kommen würde. Als sie dann aber 1998 doch endlich wieder an die Macht kam, hat Gerhard Schröder alles versemmelt. Er hat seine Agenda 2010 verkündet, Hartz IV eingeführt und die SPD gründlicher ruiniert, als es 16 Jahre Kohl-Kanzlerschaft vermocht hatten. Inzwischen steht zu befürchten, daß diese Partei niemals mehr einen Bundeskanzler, eine Bundeskanzlerin stellen wird.
Warum auch? – Es kommt auf die Opposition an.

Der Besichtigung dritter Teil

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Am Samstagmorgen las ich in der WN, die zwei ganze Doppelseiten und die Titelseite der Skulptura widmete, daß der westfälische Rhythmus darin bestehe, daß alle zehn Jahre etwas passiert. Das gefällt einem unverbesserlichen Technologiekritiker wie mir ungemein gut: Wer also Smartphone oder Handy nicht zehn Jahre benutzt, bevor er sich ein neues zulegt, ist kein richtiger Westfale.

Immerhin hat sich der westfälische Rhythmus damit erheblich beschleunigt, wenn man bedenkt, daß früher Jahrhunderte hatten vergehen müssen, damit Ereignisse wie die Wiedertäufer oder der westfälische Frieden stattfinden konnten.

Am Abend vorher hatte ich in den münsterländischen Fernsehkanälen Bilder von Ausstellungsbesuchern gesehen, die über das Hafenbecken wandelten. Das hatte mich so beeindruckt, daß ich heute da unbedingt hinwollte. Als ich meinem Vater das sagte, meinte er: „Das würde ich auch tun!“ – Aber mit seiner geschwollenen Backe, die er von einer Zahnextraktion zurückbehalten hatte, war er momentan nicht besonders unternehmungslustig.

Ich hatte mich mit Annette und Heinz für den Vormittag zu einer Skulpturenbesichtigung verabredet. Unsere erste Station war das Pumpenhaus. Dort befand sich eine weitere Skulptur von Aram Bartholl: „5 Volt“. Vor einem Holzfeuer saß ein Student und hielt einen an einer Rute befestigten Thermogenerator über das Feuer. Im Hintergrund waren noch zwei weitere Thermogeneratoren an einer Mauer angelehnt. Eine Ausstellungstouristin hatte gerade eben die Rute, die sie zwischendurch hatte halten dürfen, an den Studenten zurückgegeben und machte jetzt ein Detailphoto von den am hinteren Ende der Rute angebrachten USB-Anschlüssen, mit denen man dank der 5 Volt Handy, Smartphone oder Tablet aufladen konnte. Der Student erklärte uns, daß der Künstler auf die ursprünglichste Form der Energienutzung, das Feuer, aufmerksam machen und eine Linie zur modernen Technologie ziehen wolle.

Als weitere Grüppchen ausländischer Touristen mit asiatischem Aussehen auftauchten, setzte der Student seine Erläuterungen auf Englisch fort. Es wurde fleißig geknipst. Heinz war von den Sprachfertigkeiten des Studenten beeindruckt.

Wir setzten unseren Weg fort, und ich führte meine Freunde am Tattoogeschäft am Hansaring vorbei zum Hafen. Dort fanden wir eine Gruppe von Skulpturtouristen an einer improvisierten Treppe, von der eine Doppelreihe von Ballons zur anderen Seite des Hafenbeckens führte. Auf der Wasserfläche befand sich nur ein einzelner Mann in orangefarbener Weste.

Wir stellten unsere Fahrräder ab und näherten uns der Treppe. Vor der Treppe war eine Kette gespannt, und die Leute warteten offensichtlich darauf, daß irgendjemand die Kette abnahm und den Weg freimachte. Im Hafenbecken hatte die Künstlerin Ayse Erkmann wenige Zentimeter unterhalb der Wasseroberfläche eine Brücke anbringen lassen, die von weitem den Eindruck erweckt, daß die Leute, die darüber gehen, über das Wasser wandeln. Ich hatte mir sogar eigens für dieses Skulpturprojekt ein Handtuch mitgenommen, um mir hinterher die Füße abzutrocknen.

Jetzt aber ging nur dieser Mann in der orangenen Weste über die Brücke, von Ballon zu Ballon, und drückte die Ballons unter die Brücke. Die Ballons waren wohl nur der Sicherheit halber angebracht und gehörten nicht zum Projekt. Der Security-Mann, wie Heinz ihn nannte, kam mit seiner Arbeit so enervierend langsam voran, daß ein Ende seiner anscheinend hochwichtigen Tätigkeit nicht so bald abzusehen war. Die Brücke gehörte ihm. Zumindestens so lange es noch Ballons zu versenken gab.

Die Zuschauer waren schon ganz unruhig und wollten unbedingt endlich auf die Brücke. Heinz meinte zu mir, ich sollte die Kette ignorieren und den Anfang machen. Es gab einen kleinen Wortwechsel zwischen uns, in dem ich auf meine gute Erziehung verwies und Heinz damit konterte, daß Kunst darin bestünde, Normen zu verletzen. Schließlich gab ich nach, zog Sandalen und Socken aus, nahm die Kette ab und stieg zur Brücke runter.

Ich schaffte es, ein paar Meter unbemerkt vom Security-Mann auf der Brücke durch das Wasser zu waten. Dann aber bekam ich von ihm die erwartete Abfuhr: Es sei, so wurde ich ärgerlich belehrt, noch nicht erlaubt, die Brücke zu betreten.

Als ich wieder zum Hafenrand raufstieg, fragte mich eine junge Frau, was der Mann gesagt habe und äußerte dann die Vermutung, daß die Brücke freigegeben werde, wenn alle Ballons unter der Brücke verstaut wären. Wir drei jedenfalls gingen jetzt erstmal in eins der Hafen-Cafés und suchten uns dort einen Platz mit Blick über den Hafen. Heinz erzählte von seinem Freund Abdul, der sich immer darüber wundere, daß man in Deutschland für alles eine Erlaubnis brauche. In Marokko könne man sich einfach irgendwo an die Straße stellen und selbstgemachte Pasteten verkaufen, wenn einem der Sinn danach stünde. Vielleicht kommt mal ein Polizist vorbei und verlangt Geld. Aber nicht wegen des ungenehmigten Pastetenstands, sondern weil Polizisten in Marokko sowas immer tun. Niemals käme ein Polizist auf die Idee, einem irgendwas zu verbieten.

Inzwischen hatte der Security-Mann die Brücke freigegeben und ein Trupp Touristen war auf der Brücke. Also machte auch ich mich nochmal auf den Weg und wandelte über das Wasser. Aber als das Gitter der Brücke unter meinen nackten Fußsohlen zu schmerzen begann, war’s das erstmal für mich.

Die nächste Station, zu der ich meine Freunde führte, war „Nietzsches Rock“ von Justin Matherly. Als Heinz damit begann, etwas über aus der Mode geratene Herrenmäntel zu erzählen, unterbrach ich ihn und wies ihn auf den Felscharakter der Skulptur hin.

Bei der Skulptur angekommen geriet Heinz in Entzücken. Er schwärmte von der Erhabenheit des Felsens und brachte emphatisch seine Begeisterung zum Ausdruck. Ich war zunächst etwas irritiert, aber dann begriff ich, daß er uns nur ein Beispiel für westfälische Ironie bot: Der Westfale an sich ist generell unbeeindruckt. Wenn er doch mal Begeisterung an den Tag legt, dann ist das meistens Ironie.

Am Servatiiplatz befand sich gerade eine Gruppe von Ständen zum Thema ‚umweltfreundliches Essen‘. Annette war die ganze Zeit eher still gewesen. Im Café hatte sie sich den Katalog der Skulptura angeschaut, aber sonst hatte sie eher wenig von ihren Eindrücken preisgegeben. Der Anblick der Stände zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht. Sie schlug mit leuchtenden Augen vor, uns da mal ein wenig umzuschauen. Anschließend gingen wir zu Feldmann und aßen zu Mittag.

Danach trennten wir uns. Annette und Heinz radelten nach Hause, und ich suchte die dritte Skulptur von Aram Bartholl auf: „3 Volt“. Die Skulptur befand sich im Fußgängertunnel am Schloßplatz und bestand aus zwei oder drei LED-Leuchtern. Unter den LEDs waren brennende Teelichter angebracht, deren Wärmeenergie in Strom umgewandelt wurde. Als ich den Fußgängertunnel betrat, ging gerade eine junge Frau mit der Leiter zu einem der Leuchter, um ein ausgebranntes Teelicht auszutauschen. Ein Ausstellungsbesucher hielt seine Kamera möglichst tief am Boden senkrecht nach oben gerichtet unter einen der anderen Leuchter, um eine Aufnahme zu machen, die möglicherweise den künstlerischen Wert der Installation durch ein aus einer ungewöhnlichen Perspektive gemachtes Photo etwas aufwerten sollte, oder vielleicht auch um ein Rätselbild zu erstellen, das er dann Freunden und Verwandten zeigen konnte, um sie raten zu lassen, was er da wohl photographiert haben könnte.

Nachdem ich den Spannungstiefpunkt der Skulptura erreicht hatte, machte ich mich auf den Weg zu Annette und Heinz. Auf der Promenade fuhr ich an einer Skulptur von Nicole Eisenmann vorbei, die ich nicht gesucht hatte, aber sofort als solche erkannte: fünf um ein rechteckiges, flaches Wasserbassin gruppierte, überlebensgroße Menschenplastiken. Es war schönstes Wetter, warm und sonnig, und auf dem Rasen waren viele Leute, die sich einfach nur erholten oder wegen der Skulptur da waren. Aber keiner kam auf die Idee, in das Bassin zu steigen und ein wenig zu kneipen. Ich war zu schnell vorbeigeradelt und kann deshalb nicht sagen, ob sich im Hintergrund irgendwo Security-Männer aufhielten, die das Betreten des Bassins verboten bzw. noch nicht freigegeben hatten.

Als ich mich am Sonntag auf den Rückweg ins Haunetal machte, hatte ich an den vier Tagen mit dem Fahrrad rund 250 km zurückgelegt. Das Münsterland bietet eine reichhaltige Palette von Fahrradwegen. Im Haunetal gibt es nur zwei Radwege. Na gut: es gibt nur einen Radweg und man hat lediglich die Wahl zwischen zwei Richtungen, hauneaufwärts oder hauneabwärts. Adieu, mein Münsterland! Ich komme wieder.

Der Besichtigung zweiter Teil

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Am Freitag machte ich mich wieder auf den Weg nach Münster. Mittags sollte eine Pressekonferenz stattfinden, und ich ging davon aus, daß der Presse auch etwas zum Photographieren geboten würde und daß deshalb die Skulpturen inzwischen alle aufgestellt sein müßten. Inzwischen hatte ich auch gelesen, daß die von mir vermißte Skulptur von Michael Smith am Tattoo-Geschäft am Hansaring im Tattoo-Geschäft selbst bestand. Ich hatte es nur nicht als Skulptur erkannt.

Auch die Skulptur von Cosima von Bonin und Tom Burr hinter dem LWL, die ich am Mittwoch vermißt hatte, war schon dagewesen: sie hatte im Tieflader mit der leeren Kiste bestanden, so daß das am Boden befestigte Schild hinter dem Tieflader also völlig korrekt dort angebracht worden war, wo es hingehörte.

Immerhin können einem diese Schilder also bei der Suche nach den Skulpturen weiterhelfen Außerdem befinden sich bei einigen Skulpturen für die Dauer der Ausstellung eigens dafür angestellte Studenten, die einem alles erklären, was, wie ich finde, durchaus nötig ist. Zwar behaupten die Ausstellungsverantwortlichen, daß man keinen Kunstverstand brauche, um die Skulptura zu besuchen; aber ich kann das nur so deuten, daß es dort, wo es nichts zu verstehen gibt, auch keinen Verstand braucht.

Das Kunstinteresse des Publikums scheint sich sowieso darin zu erfüllen, alles zu photographieren, was sich mit Hilfe von Studenten und Schildern als Skulptur auszuweisen vermag.

Ich machte mich also am frühen Vormittag ein weiteres Mal auf den Weg nach Münster und schaute zunächst am Kinderspielplatz beim Fernmeldeturm vorbei. Dort war am Eingang des Spielplatzes diesmal tatsächlich ein Schild angebracht und wies auf ein „12 Volt“ genanntes Projekt von Aram Bartholl hin. Ich suchte wieder den ganzen Spielplatz ab, fand aber nichts. Also fuhr ich weiter zur Andreas-Hofer-Straße, weil mein Vater mir am Abend zuvor von einer Lichtertafel und einer Klanginstallation an der ehemaligen Oberfinanzdirektion erzählt hatte. Ich hatte bei meinen gestrigen Besuch bei Annette und Heinz eine Sendung des Münsterlandfensters zu dieser Klanginstallation gesehen und wollte mir das ansehen. Ich fand aber nichts, weder die Installation noch die ehemalige OFD. Beides war nicht da: die eine noch nicht, die andere nicht mehr.

Dann fuhr ich ins Stadtzentrum und entdeckte am Servatiiplatz „Nietzsches Rock“ von Justin Matherly. Mit ‚Rock‘ ist nicht etwa ein altmodischer Herrenmantel gemeint, sondern ein Felsen bzw. ein Berggipfel in Sils Maria. Ich frage mich, ob Nietzsche, wenn er von seinem ‚Rock‘ gehört oder gelesen hätte, nicht vielleicht doch eher an seinen Mantel gedacht hätte. Der ‚Rock‘ befindet sich nur wenige Meter vom Einheitsdenkmal auf derselben Wiese entfernt: zwei aneinandergekettete Betonstücke. Felsen und Beton: da gibt es schon mal eine Gemeinsamkeit. Ob „Nietzsches Rock“ vielleicht auf diesen Aspekt der deutschen Geschichte hinweisen soll?

Ich kaufte mir in der Buchhandlung im ehemaligen Landesmuseum einen der gerade frisch gelieferten Kataloge für sehr preiswerte 15,–. Als ich nach einem Faltblatt mit den Standorten fragte, sollte ich dafür 3,– zahlen. Nicht sehr günstig, und ich verzichtete auf das Faltblatt. Hätte ich ein Smartphone oder ein entsprechendes Handy gehabt, hätte ich mir die „Skulptur-Projekte App“ runterladen können. Aber da ich mich dieser Technologie verweigere, mußte ich weiterhin mit der schlechten Photokopie der WN-Seite klarkommen. Auch im Katalog befindet sich kein Lageplan. Übrigens bedürfen auch einige ‚Skulpturen‘ der Ergänzung durch ein Smartphone, ohne das einem der volle Kunstgenuß vom Künstler verweigert wird. Ich habe mich dieser Ausgrenzung gefügt und gar nicht erst nach ihnen gesucht.

Jedenfalls erfuhr ich über den Katalog, daß „Nietzsches Rock“ auf Gehhilfen gebaut ist, die unterhalb der Skulptur, die nicht direkt auf dem Rasen aufliegt, zu sehen sind. Der ganze Felsen erwecke so den Eindruck, als schwebe er. Von dem Einheitsdenkmal unweit der Skulptur ist keine Rede. Allerdings erwähnt der Katalog, daß der Felsen in Sils Maria Nietzsche zu dem Satz von der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ inspiriert habe. Man könnte also, schlußfolgerte ich, „Nietzsches Rock“ auch als Warnung vor der beständig drohenden Wiederkehr von totalitären Gesellschaftssystemen verstehen.

Ich war so sehr von mir und meinen inhaltsschweren Gedankengängen beeindruckt, daß ich beschloß, für diesen Tag genug gesehen und nachgedacht zu haben. Ich radelte zu Annette und Heinz, traf dort aber niemanden an. Also aß ich erstmal in der Warendorfer Straße ein Eis und fuhr dann zur Andreas-Hofer-Straße. Ich hatte dank des Katalogs jetzt eine genaue Adresse und wollte nochmal nach der Skulptur sehen, von der mein Vater mir berichtet hatte. An der betreffenden Stelle befiand sich dann aber keine Lichtertafel, geschweige denn eine Klanginstallation. Stattdessen stand da ein Gerüst mit einer Aussichtsplattform, die ich beim ersten Mal Vorbeifahren nicht beachtet hatte. Ich ging die Treppe rauf und blickte auf eine riesige Baustelle mit Baggern und Kränen: das Gelände der abgerissenen Oberfinanzdirektion. Als ich wieder runterging, stand da ein Rentner mit einem Smartphone und photographierte ein Detail der Treppe: das Geländer.

Als er mich sah, sagte er: „Da haben die Bauarbeiter doch wirklich gute Arbeit geleistet.“

„Mag sein!“, sage ich. „Aber wo ist die Skulptur?“

Der Mann zuckt mit den Schultern und zeigt dann auf die Baustelle: „Das ist die Skulptur.“

Dann lacht er freundlich und geht seiner Wege.

„Immerhin!“, dachte ich. „Das Geländer der Treppe zur Aussichtsplattform war ihm wohl ein Photo wert gewesen.“

Ich machte einen dritten und letzten Versuch, die Skulptur beim Fernmeldeturm zu finden. Als ich mein Fahrrad abgestellt hatte und im zunehmenden Nieselregen den Spielplatz betrat, forderte mich jemand am hinteren Rand des Platzes freundlich auf, näher heranzukommen. Ich ging zu den Büschen, hinter denen ich den unsichtbaren Sprecher vermutete, und tatsächlich stand dort ein Student mit Regenschirm und zeigte mir den kleinen versteckten Pfad, auf dem ich zu ihm herunter kommen konnte.

Als ich bei ihm ankam, sah ich einen Grill, auf dem sich ein Wärmeenergieumwandler befand. Von diesem Wärmenergieumwandler führte ein Kabel zu den Büschen, von den Büschen zu einer Stange und von der Stange zu dem Fernmeldeturm, an dem auf halber Höhe ein Router angebracht war. Der Student erklärte mir alles detailliert und wies darauf hin, daß der Router einen Zugang zu einer Website ermögliche, auf der erklärt werde, wie man offline geht.

Wir kamen miteinander ins Gespräch. Ich erzählte ihm von meinen bisherigen Bemühungen, Skulpturen zu entdecken und zu besichtigen. Außerdem versuchte ich, ein, zwei Kriterien aus dem Ärmel zu schütteln, anhand deren man ein Kunstwerk erkennen kann: „Kunst“, postuliere ich, „muß etwas mit Können und mit Erkennen zu tun haben!“

Der junge Mann, Student und Künstler aus Düsseldorf, nickt und meint: „Meine Mutter denkt auch so über Kunst!“

Ob ich denn wisse, fragt mich der Student, was eine Performance sei.

Da wurde mir deutlich, daß er mich zur älteren Generation zählte. Dabei hatte ich mich, in Erinnerung an meine eigene Studentenzeit, gleich mit ihm solidarisch gefühlt, als er sagte, er verdiene sich hier auf der Skulptura etwas dazu, indem er täglich fünf Stunden bei dem Grill ausharre.

Ich bin also so eine Art Rentner auf Skulpturensuche. Zwar noch nicht direkt Rentner, aber immerhin auf dem Weg dorthin.

Als mein Vater mir am nächsten Tag die WN auf den Frühstückstisch legte, fand ich darin eine ausgiebige Berichterstattung zur Skulptura. Unter anderem las ich dort einen Satz von Johann Nestroy: „Kunst ist, wenn man’s nicht kann. Denn wenn man’s kann, ist es keine Kunst.“

Und ansonsten kann man ja auch die Schilder lesen oder einen Studenten fragen.

Der Besichtigung erster Teil

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Ich hatte letzte Woche frei und wollte das unbedingt für einen Besuch der Skulptura in Münster nutzen. Entsprechend enttäuscht war ich, als Annette mir mitteilte, daß die Skulptura erst am Wochenende begann. Das verkürzte die vier Tage, die ich vorgesehen hatte, auf den Samstag, denn am Sonntag war die Rückreise geplant.

Dann dachte ich mir aber, daß die Skulpturen ja schon in den Tagen vorher aufgestellt werden würden. Schließlich konnte man das wohl kaum an einem Tag bewerkstelligen. Da hatte ich allerdings noch ein relativ naives Verständnis von Skulpturen: einigermaßen kompakte Gebilde, die auf festgefügten Fundamenten verschraubt werden und die man gleich als solche erkennt. Ich stellte mir vor, daß ein ganzer Fuhrpark von LKWs und Kränen und Baggern nötig sei, um die 35 Objekte zu installieren.

Ich machte mich also am Mittwoch von meiner ‚Basis‘ aus, mein Elternhaus in der Nähe von Münster, mit meinem Fahrrad auf den Weg, in der Tasche die Photokopie eines Skulpturenplans aus der WN. Ich hatte mir einige Skulpturen auf meiner Route am südöstlichen Rand von Münster ausgesucht und wollte mich von dort aus in das Stadtzentrum vorarbeiten. Als ich mich der Stadtgrenze näherte, begegnete ich auffällig vielen großen blonden Frauen auf großen Fahrrädern, und ich spielte vergnügt mit dem Gedanken, ob sie wohl schon zur Skulptura gehörten, nicht ahnend, was mir bevorstand.

Das erste Objekt, das ich aufsuchte, war noch nicht aufgestellt. Es befand sich noch nicht am Fernmeldeturm, den ich ein paar Mal umradelte, ohne irgendetwas Skulpturenähnliches zu entdecken. Auf der photokopierten WN-Seite war ein Hinweis auf einen Kinderspielplatz, den ich erst fand, als ich eine in der Nähe gärtnernde Einheimische danach fragte. Auf dem Kinderspielplatz befanden sich zwar einige Skulpturen, aber ich bezweifelte, daß Schaukel, Klettergerüst und Rutsche einzeln oder im Verbund etwas mit der Skulptura zu tun hatten.

Die nächste Skulptur, die ich aufsuchte, befand sich am Hansaring. Beziehungsweise sie befand sich ‚noch nicht‘ am Hansaring, wie ich dachte, denn als ich vor dem Tattoo-Geschäft stand, war nichts Skulpturähnliches zu entdecken. Und auch am Hafen, dem nächsten Standort, war weit und breit keine Skulptur, weder diesseits noch jenseits des Hafenbeckens. Am Albersloher Weg erspähte ich auf einer Industriebrache eine Betonkonstruktion, die durchaus eine Skulptur von Oscar Tuazon hätte sein können; allerdings hätte sie genauso gut ein natürlicher Bestandteil der Industriebrache sein können, und es war mir dann zu mühsam, mich über das unwegsame Gelände zu kämpfen, nur um genau das festzustellen.

Da sich die meisten Skulpturen im Zentrum innerhalb des Promenadenrings befinden sollten, machte ich mich dann dorthin auf den Weg. Am ehemaligen Landesmuseum, dem LWL, sollten laut Photokopie gleich drei Skulpturen installiert sein. Ich radelte also zum Domplatz und erkundete die LWL-Fassade sowie den Vorplatz, ohne fündig zu werden. An einem Straßenschild war etwas Undefinierbares angekettet, das durchaus als Skulptur in Betracht kam. Ich stellte also mein Fahrrad ab, um hinzugehen und es genauer zu inspizieren, als mich ein Museumsangestellter aufhielt. Er wies mich darauf hin, daß ich das Fahrrad da nicht stehen lassen könne, weil sonst die Studenten auf die Idee kämen, ebenfalls ihre Fahrräder dort abzustellen. Verständlicherweise, wie ich fand, denn wo sollten die Studenten ihre Fahrräder auch sonst hinstellten: vor dem Fürstenberghaus gegenüber dem LWL hatten sich in früheren Zeiten hunderte und möglicherweise sogar tausende von abgestellten Fahrrädern geballt. Jetzt befand sich da nur noch eine Baustelle und kein einziges Fahrrad mehr.

Aber der Museumsangestellte war so nett und wies mich auf eine Skulptur an der Fassade des LWL von John Knight hin, die ich als solche nicht erkannt hatte: drei in einem Metallrahmen untereinander gruppierte Wasserwaagen an der rechten, schiffsbugähnlich vorspringenden Gebäudekante des LWL. Ich hatte sie als natürlichen Bestandteil der Fassade wahrgenommen. Auch jetzt, nach dem Hinweis des Museumsangestellten, fiel es mir schwer, sie als eigenständige Skulptur zu erkennen.

Auf der anderen Seite des LWL stand ein großer Tieflader mit einem schwarzen Kasten auf der Ladefläche. Am hinteren Teil des Tiefladers war ein Bauarbeiter damit beschäftigt, ein Schild auf dem Pflaster zu verschrauben. Das Schild wies auf eine Skulptur von Cosima von Bonin und Tom Burr hin, die sich an dieser Stelle (noch nicht) befand. Ich linste vorsichtig in die schwarze Kiste auf dem Tieflader, die halb geöffnet war, konnte aber in der schwarzen Dunkelheit nichts entdecken. Sie schien leer zu sein. Auf dem Platz hinter dem LWL befindet sich noch eine andere Skulptur, die ich schon von früher kannte, und ich fragte mich, ob Kiste und Tieflader wohl dafür bestimmt waren, diese Skulptur wegzuschaffen, um dann die andere, aktuelle Skulptur, auf die das Schild hinwies, das der Bauarbeiter gerade auf dem Boden festschraubte, dort hinstellen zu können. Allerdings befand sich das Schild an einer völlig anderen Stelle des kleinen Platzes, direkt hinter dem Tieflader, und weder die mir schon bekannte Skulptur noch das Schild schienen irgendetwas miteinander zu tun zu haben.

Ich machte mich also frustriert wieder auf den Heimweg. Für den Donnerstag verzichtete ich auf weitere Skulpturbesichtigungen und besuchte stattdessen Freunde in Münster und in meinem Heimatdorf.

Gesunder Menschenverstand

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Es gibt unter Intellektuellen eine gewissen Aversion gegen das, was man gemeinhin „gesunden Menschenverstand“ nennt. Diese Aversion entspricht spiegelbildlich dem Mißtrauen, das der durchschnittliche Stammtischplebejer den Intellektuellen gegenüber an den Tag legt. Entsprechend geraten zwei verschiedene Bedeutungsgehalte durcheinander.

Nur scheinbar ‚gesund‘ ist der Menschenverstand aus Sicht der Intellektuellen, weil sein unreflektierter Übergang aus der Lebenswelt in griffige Kampf- und (Zu-)Schlagwortphraseologie weniger von Verstand als vom völligen Fehlen desselben zeugt. Genau das aber nimmt der Populist als Beleg für seine wahlweise mal ‚demokratische‘, mal ‚völkische‘ Überlegenheit.

Doch schwingt im gesunden Menschenverstand noch eine andere, an Immanuel Kants Aufklärungsformel erinnernde Komponente mit. Keine andere Autorität anzuerkennen als den eigenen Verstand, beinhaltet ebenfalls eine gewisse anti-intellektuelle, gegen den Verstand der Anderen gerichtete Attitüde. Wer sich darauf beruft, hat eine bequeme Ausflucht gefunden, sich dem Rechtfertigungsdruck für seine unausgegorenen Meinungen zu entziehen.

‚Gesund‘, nämlich heilsam wird die primäre Orientierung am eigenen Verstand erst dann, wenn wir uns mit unseren Meinungen, trotz der Abwehr selbsternannter Autoritäten, der Prüfung durch unsere Mitmenschen stellen.

Kind und Hund

Heute habe ich meine morgendliche Radtour wieder für ein zweites Frühstück unterbrochen. Ich sitze vor dem Café am Tisch unterm Sonnenschirm. Ein sechs- bis siebenjähriger Junge radelt an mir vorbei, stellt sein kleines Rad an einem der Begrenzungspfähle ab und geht ins Café. Eine Frau, vielleicht sechzig?, kommt mit ihrem Hund und wirft die Leine über einen anderen Pfahl, vielleicht anderthalb Meter vom Fahrrad des kleinen Jungen entfernt. Sie macht sich keine Gedanken wegen des Fahrrads. Auch ich habe den kleinen Jungen schon wieder vergessen. Die Frau geht ins Café.

Der Hund ist weder klein noch groß, irgendwas zwischen Terrier und Labrador, ein ruhiges, nicht mehr so junges Tier. Er weiß nicht so recht, was er machen soll und steht etwas verloren da. Der kleine Junge kommt mit einer Brötchentüte aus dem Café, sieht den Hund, an dem er direkt vorbeigehen muß, um zu seinem Fahrrad zu gelangen. Hat er Angst? Er geht sehr langsam an ihm vorbei. Ich bin mir nicht sicher, aber Angst scheint der Junge nicht zu haben. Bei seinem Fahrrad angekommen, legt er die Tüte auf den Gepäckträger, praktisch vor die Nase des Hundes. Der Hund wedelt mit dem Schwanz und beschnuppert die Tüte.

Der Junge nimmt die Tüte hoch, aber er ist zu klein, um sie aus der Reichweite des interessierten Hundes zu bringen. Ich überlege, ob ich eingreifen soll, aber der Junge scheint immer noch keine Angst zu haben. Die Frau erscheint in der Tür des Cafés und befielt dem Hund, den Jungen in Ruhe zu lassen und sich hinzusetzen. Dann verschwindet sie wieder im Café. Der Hund setzt sich auf die Hinterpfoten.

Der kleine Junge legt die Tüte zurück auf den Gepäckträger, kramt eine Stofftasche hervor, die er etwas ungeschickt und sehr umständlich entfaltet. Er braucht Minuten, ohne mit dem Auseinanderfalten der Stofftasche zu Ende zu kommen. Der Hund ist unruhig, steht wieder auf und schnüffelt nach der Stofftasche und der Brötchentüte. Wieder erscheint die Frau in der Cafétür und befiehlt dem Hund, sich hinzusetzen. Der kleine Junge hantiert immer noch mit der Stofftasche herum und kommt einfach nicht zu einem Ende. Da kommt eine der Bäckerfrauen aus dem Café, nimmt ihm energisch die Stofftasche aus der Hand, packt die Brötchentüte hinein, bindet die Stofftasche zu, drückt sie dem Jungen in die Hand und verschwindet wieder im Café. Als sie an mir vorbeigeht, blickt sie mich an und verdreht die Augen. Ich lächle.

Schließlich kommt auch die Frau mit einer Brötchentüte aus dem Café, schnappt sich ihren Hund und geht. Der kleine Junge hat sich inzwischen seinen Fahrradhelm aufgesetzt und fährt langsam in die gleiche Richtung wie die Frau mit dem Hund.

Ich sitze bei meiner Tasse Kaffee Créme, blicke auf die Reihe von Begrenzungspfählen und frage mich, warum sich die Frau für ihren Hund ausgerechnet den Pfahl ausgesucht hatte, der direkt neben dem Kinderfahrrad stand.