Schöne Menschen

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Das Rauschen aus dem Blätterwald der Feuilletons und aus den Glasfaserkabeln der sozialen Netzwerke flüstert mir zu, daß ‚man‘ Frauen nicht auf ihre Schönheit reduzieren dürfe. Deshalb müssen z.B. Gedichte an Hauswänden, die sich an diese Regel nicht halten, übermalt werden.

Wann aber reduziert ‚man‘ Frauen auf ihre Schönheit? Und darf man Männer jetzt vielleicht auch nicht mehr schön nennen? Darf ‚man‘ überhaupt noch irgendetwas schön nennen? Seit wann ist es – frei nach Max Hansen – ein Vergehen, das Wort ‚Schönheit‘ zu verwenden?

Es ginge darum, Menschen nicht auf ihr Aussehen zu reduzieren, heißt es.

Ich bin heute wieder auf meiner täglichen Radtour in meinem Lieblingscafé gewesen. Was ich besonders mag, wenn ich da sitze und von meinem heißen Kakao nippe: Menschen ansehen. Männer und Frauen unterschiedlichen Alters kommen und gehen und holen sich Brötchen, Bagettes, Kuchen etc. Draußen schneit es, der Vorplatz ist teils naß, teils matschig. Da kommt eine kleine Asiatin, eine junge Frau. Bevor sie das Café betritt, macht sie zwei Trippelschritte, um ihre Schuhe zu reinigen. Als sie das Café betritt, macht sie weitere zwei Trippelschritte und wischt dabei mit den Schuhsohlen über die Matte vor der Theke. Und plötzlich öffnet sich mein Herz und diese Geste der Achtsamkeit mit ihrer schlichten Schönheit trifft mich im Innersten.

Ich frage mich: wie oft habe ich die junge Frau bei der Beobachtung reduziert? Erstens, ich habe sie angesehen; also habe ich sie auf ihr Aussehen reduziert. Zweitens und drittens, ich habe sie als ‚klein‘ und als ‚Asiatin‘ bezeichnet. ‚Klein‘ geht vielleicht noch, denn das ist ein relativer Begriff. Aber das Wort ‚Asiatin‘ nimmt ihr die Option, als ‚Deutsche‘ wahrgenommen zu werden. Vielleicht hätte ich sagen sollen: eine Person asiatischen Aussehens? Irgendwie finde ich das noch diskriminierender. Vielleicht hätte ich es gar nicht erwähnen sollen? Aber das Reinigen der Schuhe und das Asiatische ihres Aussehens gehören zusammen. Ich dachte dabei unwillkürlich an das Betreten einer japanischen Wohnung und das Ausziehen der Schuhe. Das Eine ohne das Andere, Trippelschritte oder asiatisches Aussehen, hätte mich nicht berührt.

Und viertens hatte die Rührung, die mich ergriffen hatte, eine erotische Färbung: ihre Geste hatte mein Begehren geweckt.

Diese kleine Szene war eine Perle unter den diversen Beobachtungen, die ich in dem Café machen durfte und die neben Frauen auch Männer einschlossen. Und alle habe ich dabei auf ihr Aussehen reduziert, allein dadurch, daß sie meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Und ja, auch einige der Männer waren schön in meinen Augen, auf je andere Art. Mal war es ein Lächeln, mal eine Bemerkung, die ich erhaschte. Immer war es etwas anderes, was ich als schön empfand: mal die Heiterkeit, mal die Schlichtheit, mal die Zugewandtheit ihres Auftretens. Schön ist, was ich ansehe und mein Herz rührt. Schönheit zu empfinden und sich von ihr gefangen nehmen zu lassen, ist kein Vergehen.

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Unzulänglichkeiten

Ich bewege mich immer nur innerhalb der Grenzen meines Verstandes. Und ich bin stolz darauf!

Immer wieder begegne ich Leuten, die darüber jammern, daß sie mit ihren fünf Sinnen nur einen winzigen Teil der Wirklichkeit wahrnehmen können. Im Unterschied zu diesen bedauerlichen Jammergestalten benutze ich sie.

Meine kleine Neujahrsansprache

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2010 rief Stéphane Hessel dazu auf, sich weltweit gegen das Finanzkapital und gegen die Globalisierung zu empören. Sein Buch trug den Titel „Empört Euch!“ – Manche werden diesen Aufruf so verstanden haben, daß die Empörung als solche etwas Befreiendes hat und deshalb auch irgendwie etwas Gutes ist. Bernhard Pörksen und Hanne Detel kommen jedenfalls in ihrem Buch „Der entfesselte Skandal“ (2012) zu einer irritierenden Schlußfolgerung. Nachdem sie die verschiedenen shitstorms, also Empörungswellen im Internet analysiert und kritisiert haben, fordern sie die demokratische und liberale Öffentlichkeit auf, die ‚Anständigen‘ also, sich gegen die Empörungswellen zu – empören! Ein affektiv emanzipiertes Mediumpublikum soll sich „in Eigenregie entrüsten und empören“ können. (Vgl. „Der entfesselte Skandal“, S.148)

Also: Empörung gegen Empörung? – Was mich betrifft: Mich muß niemand eigens dazu aufrufen, mich zu empören. Ich empöre mich gerne und regelmäßig über alles Mögliche und Unmögliche. Und genauso regelmäßig geht mit der überschwappenden Empörung auch der Verstand perdü.

Empörung und Denken vertragen sich selten. Und mit ‚Denken‘ meine ich Differenzierungsvermögen. Wer sich empört, differenziert nicht mehr. Es zählen nur die eigenen Argumente. Und sollte die Gegenseite auch über Argumente verfügen, dann werden sie schlicht und einfach nicht zur Kenntnis genommen. Oder man spricht diesen ‚Argumenten‘ den argumentativen Status von vornherein ab. In dieser Hinsicht kann der Denkapparat, angetrieben vom Empörungsdrang, durchaus auf Hochtouren laufen. Aber an die Stelle des Differenzierungsvermögens tritt Spitzfindigkeit. Spitzfindigkeit ist das Florett im Duell der Empörungswilligen. Jedes Wort der Gegenseite wird auf die Goldwaage gelegt und penibel mit der Lupe auf verborgene Nebenbedeutungen hin untersucht, aus denen dann zum Schaden des Gegners die haarsträubendsten Schlußfolgerungen gezogen werden. Man muß nur die verschiedenen ‚Diskussionen‘ in den Blogs und Netzwerken dieses zu Ende gehenden Jahres verfolgen, um zu sehen, wie weit die Kunst gediehen ist, jeden zaghaften Differenzierungsversuch zu skandalisieren.

Mein Wunsch fürs neue Jahr: Empört euch nicht immer gleich. Denkt lieber vorher ein wenig nach.

Werkzeug, Medium und Material

Es ist für mich leichter zu sagen, was Kunst nicht ist als andersrum. Kunst ist nicht das Medium: sie ist kein Buch, keine Leinwand, kein Kino, kein Radio, kein Fernseher, und vor allem ist sie keine Universalmaschine!

Das Wort ‚Medium‘ ist allerdings ebenfalls schwierig zu definieren. Einfacher ist es schon, es vom ‚Werkzeug‘ zu unterscheiden, also etwa vom Pinsel, Meißel oder vom gesprochenen bzw. geschriebenen Wort. An dieser Stelle stimme ich Leroi-Gourhan zu: in diesem Bereich gibt es keinen technischen Fortschritt. Mit dem Pinsel haben Künstler in allen Epochen der Menschheitsgeschichte Höchstleistungen vollbracht.

Allerdings: ist das gesprochene oder geschriebene Wort nun eher ein Medium oder ein Werkzeug?

Diese Frage führt uns zum nächsten Problem: wie soll man das ‚Medium‘ vom ‚Material‘ unterscheiden, also von den Worten im Text, von der Farbe auf der Leinwand oder vom gemeißelten Stein? Sind nicht alle Objekte, alle Dinge, die uns umgeben, gleichzeitig auch Medien unseres Selbstausdrucks? Geht die Kunst nicht in diese Materialien ununterscheidbar ein: in die bemalte Leinwand, in die Skulptur, in die Sprache eines Epos, eines Gedichts?

Ist also auch die Universalmaschine nicht in erster Linie ein Werkzeug, das alle Materialen: Worte, Farben, Töne, 3D-Versionen der dinghaften Welt, gleichgültig ob simuliert oder ausgedruckt, umfaßt und vereint?

Von einer solchen Aufwertung der Technologie halte ich nichts. Welche Art von Können geht hier in welche Art von Gestaltung ein? Welches spezifische Material wird hier transformiert? Mit der Universalmaschine tritt das Werkzeug als Medium an die Stelle von Hand, Gesicht und Gehör. Das menschliche Handeln beschränkt sich auf die Bedienung einer Maschine. Alles, was Kunst ausmacht, der Mensch in der Konfrontation mit sich und der Welt, wird durch eine Universalmaschine ersetzt. Die Welt fällt in dieser Relation weg. Aus dieser Subtraktion geht keine Kunst hervor.