Vertrauenswürdigkeiten

Schlagwörter

Es gibt Menschen, denen ich glaube, denen ich aber nicht glaube, was sie sagen.
Es gibt Menschen, denen ich glaube, was sie sagen, denen ich aber nicht glaube.
Es gibt Menschen, denen ich glaube und denen ich glaube, was sie sagen.
Ich fürchte, ich gehöre zu den Menschen, denen ich weder glauben kann noch denen ich glauben kann, was sie sagen.
So gerne ich es würde.

Advertisements

Rätsel

Schlagwörter

Es gibt etwas in mir, das verlockt wird, und es gibt etwas in mir, das widerstrebt. Warum ist die Verlockung keine Intuition, die Widerstrebung hingegen schon?  Warum muß ich auf die Widerstrebung hören, aber auf die Verlockung nicht?

Wer oder was sind wir?

Schlagwörter

, ,

Zur Zeit ist mal wieder ein FDP-Parteitag. Die Vorsitzende der Jung-Liberalen ist dagegen, die Frauen auf ihr Geschlecht zu reduzieren. – Na ja. Wer möchte das schon. Ich hätte auch etwas dagegen, auf mein Geschlecht reduziert zu werden. Aber andererseits: ohne mein Geschlecht wäre ich irgendwie auch nicht der, der ich bin.

Irgendwie hat die Abwehr gegen die Geschlechtsreduziererei seltsame Blüten getrieben. Vor allem bei Heterosexuellen. Vor allem bei heterosexuellen Frauen. Und vor allem bei den Feministinnen unter ihnen. Homosexuelle und überhaupt Queere haben da keine Probleme. Sie sind stolz auf ihr Geschlecht! So stolz, daß sie sich alle ihr eigenes Geschlecht erfinden und es wie ein Plakat vor sich her tragen. Nur die heterosexuellen Frauen sollen partout nicht auf ihr Geschlecht hingewiesen werden wollen. Nie und niemals! Deshalb verkündet die Vorsitzende der Jung-Liberalen in einem aktuellen DLF-Interview auch, gegen eine Frauenquote in der FDP zu sein. Das wäre nicht liberal. Natürlich nicht! Bloß nicht als Frau in Erscheinung treten. Das geht gar nicht.

Svenja Flaßpöhler weist in ihrem Buch „Die potente Frau“ darauf hin, daß der dekonstruktive Gender-Feminismus über sein Ziel hinausgeschossen ist. Hatten einst Männer wie Freud und Lacan Frauen bescheinigt, über keine eigene Sexualität zu verfügen, so gilt das auch für zeitgenössische Hashtag-Bewegte. Auch hier sind – vor allem heterosexuelle – Frauen vor allem darüber definiert, Nein sagen können zu dürfen. Wenn doch mal jemand versucht, die Frage nach der Sexualität zu stellen, wie Heike-Melba Fendel (Kritikerin und Schriftstellerin) in einer Talkshow von Anne Will, dann erfährt sie die heftigste Abwehr, in diesem Fall im mann-weiblichen Verbund von Ursula Schele (PETZE) und Gerhard Baum (FDP), die ihr beide unterstellten, sie würde damit nur die Unrechtsstruktur des Patriarchats verschleiern.

Mit viel Mühe gelang es Frau Fendel, sich gegen die beiden VertreterInnen der reinen Lehre zu behaupten. Am Ende fand sie eine Formel, der ihre ‚Gesprächspartner‘ zustimmen konnten. Aber Gerhard Baum trat nochmal nach: alles was sie vorher gesagt habe, sei falsch gewesen!

Unvergessen bleibt für mich die Geste von Frau Fendel nach dieser, eingeschränkten, Absolution: demonstrativ atmete sie tief auf, als habe man ihr eine Last von der Seele genommen, und sie wischte sich mit dem Handrücken den symbolischen Angstschweiß von der Stirn.


Für Anfang September plane ich in meinem Blog „Erkenntnisethik“ eine Besprechung von Svenja Flaßpöhlers „Die potente Frau“.

Buch- und Mediengläubigkeit

Schlagwörter

Den Kritikern der modernen Informations- und Kommunikationstechnologie wird gerne vorgehalten, daß die Erfindung neuer Kommunikationsmedien in der abendländischen Kulturgeschichte immer schon von irrationalen Ängsten und übertriebenen Warnungen vor deren üblen Auswirkungen begleitet worden sind. Das stimmt natürlich. Ob es nun die Schrift war oder der Buchdruck, das Kino oder das Fernsehen: immer fanden sich Kritiker, denen die kulturellen Veränderungen, die mit ihrer Einführung einhergingen, ein Dorn im Auge gewesen waren.

Platon warnte vor den Auswirkungen der Schrift auf das Gedächtnis der Menschen: wenn wir uns nicht mehr auf unser eigenes Gedächtnis verlassen müssen, weil wir alles Wichtige der Schrift anvertrauen können, würde das Gedächtnis verkümmern. Und er hatte, zumindestens was das phonetische Alphabet der Griechen betraf, Recht! – Das Gedächtnis der Menschen reichte nicht mehr an das der Rhapsoden der Vorgeschichte heran, die Epen wie die Ilias und die Odyssee auswendig vortragen konnten. Nur in Kulturen mit Konsonantenschriften, die der Mündlichkeit noch nahestehen wie im arabisch-islamischen Kulturbereich, wird das Auswendiglernen eines Buches wie der Koran noch praktiziert.

Rousseau warnte vor dem manipulativen Einfluß von Büchern auf das autonome Denken. Émile sollte nur ein einziges Buch zu lesen bekommen: Robinson Crusoe, das Rousseau pädagogisch als besonders wertvoll einstufte. Alle anderen Bücher aber würden Émile nur davon abhalten, die Welt mit seinen eigenen Sinnen selbst zu entdecken. Und er hatte Recht! – Bücher hatten tatsächlich lange Zeit den Effekt, den Verstand ihrer Leserschaft auszuschalten. Das war genau der Grund, warum die Wissenschaftler vor allem Naturwissenschaftler sein wollten. Nicht mehr das Wissen, das man in Büchern nachlesen konnte, vorzugsweise in den Büchern der Bibel oder in den Schriften von Aristoteles, sollte wahr sein, sondern das Wissen, was wir direkt der Natur entnehmen können.

Natürlich waren Platon und Rousseau gewissermaßen auf einem Auge blind gewesen. Beide wußten die positiven Aspekte von Schrift und Buch nicht zu würdigen: die Schrift erlaubte es den Menschen, sich dem Bann der Gemeinschaft zu entziehen und sich zu individualisieren. Was Platon selbst übrigens nicht als positiv bewertet hätte. Und das Lesen von Büchern stellte dem ‚Genuß‘ von billigen Romanen und ideologischen Agitationen, wie sie Rousseau befürchtet hatte, hohe Einstiegshürden entgegen. Um ein Buch so lesen zu können, daß es seine immersiven Qualitäten entfalten konnte, mußte man erst mal lesen lernen. Diese Einstiegshürde stellt eine hohe kognitive Herausforderung dar. Und diese Herausforderung wird längst nicht von allen Individuen und auch nicht von allen gesellschaftlichen Schichten gemeistert.

Ich weiß noch, wie mir die Mutter eines Spielkameraden stolz eine Reihe von Karl-May-Büchern auf dem Bücherbrett ihres Sohnes zeigte. Ich stand starr vor Staunen vor diesen Wälzern, deren Seiten voller gedruckter Buchstaben waren, ohne einem einzigen Bild dazwischen, und ich konnte es nicht fassen, das jemand fähig war, das alles zu lesen, sprich: mühsam Buchstabe für Buchstabe zu entziffern. Erst als ich später nach einer Blinddarmoperation eine Woche im Krankenhaus verbringen mußte und meine Eltern mir ein Karl-May-Buch, „In den Kordilleren“, schenkten, zwang mich die Langeweile, dieses Buch zu lesen, und es dauerte nicht lange, und ich war ‚angefixt‘. Ich lernte lesen, also nicht Buchstabe für Buchstabe entziffernd, sondern so, daß sich in meinem Kopf ein innerer Film abspulte. Das war übrigens Friedrich Kittler zufolge die kulturelle Voraussetzung dafür, daß so etwas wie ein Kino entstehen konnte. Die Menschen waren darauf vorbereitet gewesen, weil sie Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts damit begonnen hatten, Bücher so zu lesen, als würden sich nicht Worte, sondern Bilder vor ihren geistigen Augen abspielen wie ein Film.

Lange Zeit war es dann bei mir so, wie Rousseau es befürchtet hatte: ich glaubte jedem Buch, das ich las. Die Autoren konnten behaupten, was sie wollten. Sobald ich ein Buch las, glaubte ich, was darin geschrieben stand. Mein Verstand war beim Lesen eines Buches praktisch ausgeschaltet. Es dauerte sehr lange, bis ich so weit war, meinen eigenen Standpunkt gegenüber dem Buch, das ich gerade las, zu behaupten. Eigentlich gelang es mir erst, als ich meine Dissertation schrieb. Von da an machte ich im Denken Fortschritte, wenn ich ein Buch las, und ich begann nicht mehr bei jedem Buch bei Null.

Es gibt also eine hohe Einstiegshürde, die kognitiv bewältigt werden muß, wenn man ein Buch so lesen will, daß sich ein innerer Film abspielt. Auch Adam Alter weist auf diese Einstiegshürde hin: „Es ist … schwerer, ein Buch zu lesen, als fernzusehen.“ (Alter 2018, S.241)

Diese Einstiegshürde gibt es beim Internet nicht. Die schriftbasierten Funktionen bilden zum großen Teil nur Stichwortverzeichnisse zu den bild- und videozentrierten Praktiken des Spielens und Chattens. Diese Praktiken erschließen sich auch funktionellen Analphabeten. Wir haben es hier primär mit einer Wiederkehr der Mündlichkeit zu tun und nicht mit einer Fortsetzung der Schriftlichkeit. Die immersiven Qualitäten des Internets ergeben sich unmittelbar mit seiner Nutzung. Ein eigenständiger Lernprozeß geht dem nicht voran: Learning by doing! Die damit einhergehenden kognitiven und psychischen Veränderungen sind unbestreitbar, und es ist nicht ratsam, einfach so weiterzumachen wie bisher.

Was zur Zeit passiert, ist ein flächendeckender Freilandversuch am lebenden Personal: wie sich das auf die psychische Entwicklung von Kindern in ihren verschiedenen prägenden Phasen auswirkt, werden wir unmittelbar erleben; denn reflektiert wird hier nichts. Stattdessen wird Kritikern Irrationalität und Technikfeindlichkeit vorgeworfen.

Zweierlei Lächeln und ein Knie

Schlagwörter

Neulich entdeckte ich das Lächeln einer Freundin wieder. Es hatte sich selbständig gemacht und war auf das Gesicht von Audrey Tautou gewechselt. Gestern entdeckte ich, daß sich auch das Lächeln meines Neffen Tim auf den Weg gemacht hat. Es breitete sich auf dem Gesicht eines populären Sängers aus, den ich in einer Talkshow sitzen sah. Es war dasselbe Lächeln!

Den Namen des populären Sängers kenne ich nicht. In der Musikszene kenne ich mich nicht aus. Auch eine Google-Recherche – „populärer Sänger mit Tims Lächeln“ – brachte mich nicht weiter.

Aber es war Tims Lächeln! Tims Lächeln auf seinem Weg um die Welt. Ob sich zweierlei Lächeln wohl begegnen können? Wenn ja, dann begegnen Tims Lächeln und das Lächeln der Freundin bestimmt auch einem einsamen Knie! Und sie können es vielleicht trösten.

Wertneutrale Technologie?

Schlagwörter

Die digitale Technologie beruht auf Rechenprozessen: deshalb ‚Computer‘. Ihre Grundlage bildet ein binäres Zahlensystem: deshalb ‚digital‘. Aber diese ‚Digitalisierung‘ der Technologie, die sie auch grundlegend von analogen Techniken wie dem Rad oder der Mühle unterscheidet, beschränkt sich nicht nur auf Rechenmaschinen; sie prägt längst auch unseren Alltag, unsere Lebenswelt. Wir leben in einer durchdigitalisierten Lebenswelt, weil wir selbst uns eine Rechenmentalität angeeignet haben.

Zahlen haben für viele Menschen eine magische Qualität, so wie für mich früher das gedruckte Wort. Ich glaubte alles, was in einem Buch geschrieben stand. Heute glauben viele, sehr viele Menschen alles, was in Zahlen ausgedrückt wird. Daher auch die Macht der Statistik. Zahlen unterdrücken die natürlichen Intuitionen unseres Körpers, der uns z.B. bei unseren Fitneßübungen ‚sagt‘, daß wir unsere physischen Grenzen erreicht haben; auf den wir aber nicht hören, weil wir unsere 14 000 Schritte noch nicht gelaufen sind. Wir zählen unsere Kalorien, wenn wir abnehmen wollen, und verlernen auf die Signale unseres Körpers zu achten, welches Essen uns guttut und wann wir satt sind.

Zahlen unterdrücken also unsere körperliche Intuition, und sie fixieren uns auch auf eine extrinsische Motivation; denn wir mühen uns nicht um einer Sache willen ab, sondern für das Erreichen von Zahlenwerten. (Vgl. Alter 2018, S.187) Manche Menschen „tragen“, wie Alter sich in „Unwiderstehlich“ (2018) ausdrückt, Serien mit sich „herum“ wie ein dumpfes Schicksal, wie eine Krankheit. So versuchen Läufer täglich ein bestimmtes Pensum abzulaufen, Wochen, Monate und sogar über Jahre hinweg, und sie können keinen einzigen Tag aussetzen, weil das die Serie entwerten würde.

Adam Alter bezeichnet deshalb die digitalen Technologien als ‚aufdringlich‘. Sie drängen uns ihre Rechenmentalität auf und verändern unser Bewußtsein, indem sie es entkörperlichen. Ohne Körperbezug aber werden unsere grundlegenden geistigen Fähigkeiten untergraben. Das ist ein weiterer Unterschied der digitalen Technologie zur analogen Technik: Werkzeuge wie Messer, Hammer, Axt und Spaten bilden Fortsätze unserer körperlichen Fähigkeiten. Sie erweitern das Potential unseres Körperleibs. Unser Bewußtsein, wenn wir sie gebrauchen, bleibt geerdet. Deshalb kommt es bei ihrem Gebrauch, im Guten wie im Bösen, immer auf die Person an. Sie sind tatsächlich neutral.

Digitale Technologien sind hingegen keineswegs neutral. Sie bedienen unsere mentalen Bedürfnisse auf so perfekte Weise, daß die Realität ihnen gegenüber alt aussieht. Unser individuelles Bewußtsein wird entmachtet. Solche Technologien können nicht neutral sein. Wer sie gebraucht, beginnt einen Kampf um seine Selbstbehauptung. Und es ist ungewiß, wie er ausgehen wird.

Transhumanität versus Internetsucht?

Schlagwörter

(Adam Alter, Unwiderstehlich. Der Aufstieg suchterzeugender Technologien und das Geschäft mit unserer Abhängigkeit, Berlin 2018)

„Unwiderstehlich“ (2017/2018) von Adam Alter ist ein Buch über die Natur des Menschen, obwohl es darin nicht um dessen Potentiale geht, sondern um dessen Defizite und Schwächen: um Sucht. Denn beides, Potential und Defizit, hängt eng zusammen. Das eine begrenzt sich am anderen, und die menschliche Kontur tritt deutlich hervor. Der Rezensent gesteht, daß er ein solch kritisches Buch von einem Marketingprofessor nicht erwartet hätte, und verleiht ihm das Gütesiegel ‚unbedingt lesenswert‘.

Gleich zu Beginn möchte ich ein ausführliches Zitat bringen, mit dem auch Adam Alter sein Buch einleitet, unter dem Motto: „Never get high on your own supply!“, das sich an die Dealer des Internetbusiness richtet, und das allen voran auch von Steve Jobs beherzigt wird:

„Ende 2010 erzählte Jobs dem New York Times-Journalisten Nick Bilton, dass seine Kinder das iPad noch nie benutzt hätten. ‚Zuhause beschränken wir den Technikkonsum unserer Kinder auf ein Minimum.‘ Bilton fand heraus, dass auch andere Helden der Hightech-Branche ihre Kinder vor den eigenen Erfindungen schützten. Chris Andersen, vormals Herausgeber des Technologie-Magazins Wired, führte für alle technischen Geräte im Haushalt strenge Restriktionen ein, ‚schließlich haben wir mit eigenen Augen gesehen, welche Gefahr von den neuen Technologien ausgeht‘. Seine fünf Kinder durften in ihren Zimmern keine Geräte mit Bildschirm benutzen. Evan Williams, einer der Gründer von Blogger, Twitter sowie der Online-Publisihing-Plattform Medium, kaufte seinen beiden Söhnen Hunderte von Büchern, er weigerte sich jedoch, ihnen ein iPad zu schenken. Und Lesley Gold, Gründerin einer Web-Controlling-Firma, führte für ihre Kinder ein strenges Bildschirmverbot an Werktagen ein. Erst als die Kinder in der Schule Computer brauchten, lockerte sie die Regel. Walter Jackson, der während der Recherchen zu seiner Steve-Jobs-Biografie oft mit Jobs’ Familie zu Abend aß, verriet Bilton: ‚Ich habe die Kinder nie mit einem iPad oder einem Computer gesehen. Sie wirkten von technischen Geräten jeder Art ganz und gar unbeeindruckt.‘ Es schien so, als würden die Menschen, die Hightech-Produkte herstellen, die Grundregel aller Drogendealer beherzigen: Never get high on your own supply (so Michelle Pfeiffer in Scarface – Nimm nie selbst die Drogen, die du verkaufst).“ (Alter 2018, S.9f.)

Adam Alter geht gründlich vor und befaßt sich nicht einfach mit den verschiedenen Internetsüchten – denn ‚Internetsucht‘ ist eigentlich nur ein Sammelbegriff für viele verschiedene Suchtphänomene –, sondern er versucht sich an einer umfassenden Definition. Da alles Leben auf grundlegenden Stoffwechselprozessen beruht und von diesem biologischen Grundmerkmal auch die verschiedenen Süchte nicht ausgenommen sind, reicht es nicht, zwischen legalem und illegalem Drogenkonsum zu unterscheiden. Von ‚Sucht‘ im eigentlichen Sinne kann man nur sprechen, wenn die ‚Droge‘ die körperliche und psychische Gesundheit des Konsumenten schädigt. (Vgl. Alter 2018, S.28) Dabei differenziert Alter zwischen Substanzsüchten und Verhaltenssüchten, wobei die Internetsucht vor allem zur letzteren Kategorie zählt:

„Substanz- und Verhaltenssüchte ähneln sich in vielerlei Hinsicht. Sie aktivieren dieselben Gehirnregionen und werden von einigen derselben menschlichen Grundbedürfnisse befeuert.“ (Alter 2018, S.16)

Zu den Schäden, die das unterschiedliche Suchtverhalten im Spektrum der Internetsucht und der mit ihr zusammenhängenden Technologien bewirkt – der Autor spricht u.a. von E-Mail-Sucht, Handy- bzw. Smartphonesucht, Fitneßsucht, Facebooksucht, Instagramsucht, VR- bzw. Oculus Rift-Sucht, Netflixsucht (Sucht nach Fernsehserien), Spielesucht  (wie z.B. die Sucht nach World of Warcraft und FarmVille), Online-Shoppen-Sucht etc. –, gehören u.a. Entwicklungsstörungen bei Kindern im Empathiebereich, im  Bereich des sozialen Verhaltens, und kognitive Störungen. Außerdem bewirken die verschiedenen digitalen Suchtformen nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen Aufmerksamkeitsdefizite (Konzentrationsschwierigkeiten) und Schlafstörungen, wobei wiederum die Schlafstörungen zu weiteren gesundheitlichen Defiziten führen:

„Es gibt ein Übel unserer Zeit, das zwei Drittel aller Erwachsenen befallen hat. Zu seinen Symptomen gehören: Herzerkrankungen, Lungenerkrankungen, Nierenerkrankungen, Appetitlosigkeit, mangelnde Gewichtskontrolle, geschwächtes Immunsystem, niedrige Widerstandskraft gegen Krankheiten, höhere Schmerzempfindlichkeit, verlangsamte Reaktionsfähigkeit, Stimmungsschwankungen, niedrige Gehirntätigkeit, Depression, Fettsucht, Diabetes und bestimmte Formen von Krebs. Das Übel heißt chronischer Schlafentzug, und die Opferzahlen steigen in Folge von Smartphone, E-Reader und anderer lichtabstrahlender Geräte.“ (Alter 2018, S.73)

Drei Momente machen die digitalen Geräte für den Menschen so gefährlich: Für kleine Kinder (und natürlich auch für Erwachsene) liegt der Reiz, abgesehen von den Geräuscheffekten (deren Bedeutung nicht zu unterschätzen ist) in der Mischung aus Konturierung und Bewegung, mit denen die Bildschirme ihre Aufmerksamkeit fesseln. Wie der Psychologe Jerome Kagan festhält, sind Kleinkinder geradezu süchtig nach „Kontur und Bewegungen“. (Vgl. Alter S.27) Wir haben es hier mit einem Merkmal der Gestaltwahrnehmung zu tun. Es geht hierbei darum, aus einer Vielzahl von Umgebungsreizen die relevanten Reize herauszufiltern und zu individuellen Gestalten zu formieren. Den digitalen Programmdesignern gelingt es offenbar, diesen Prozeß den Wahrnehmungsbedürfnissen von Kindern (und natürlich auch denen von Erwachsenen) so anzupassen, daß die virtuelle Welt attraktiver ist als die Realität. Das bindet unsere Aufmerksamkeit so sehr, daß wir kaum noch fähig sind, uns von den Bildschirmen abzuwenden.

Ein weiteres Moment bildet der technologische Fortschritt: die digitalen Rechenprozesse sind inzwischen so effizient, daß Internetspiele und die digitale Kommunikation in Echtzeit ablaufen. Den Nutzern geht jedes Zeitgefühl vor dem Bildschirm verloren. Hinzu kommt, daß beim Design der verschiedenen Formate von Spielen und Online-Foren sorgfältig darauf geachtet wird, daß die Nutzer gar nicht auf die Idee kommen, den Computer abzuschalten. Die Abbruchregeln der analogen Welt, zu denen auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung hinsichtlich des Zeitverbrauchs bei alltäglichen Vorhaben und Unternehmungen gehört, sind außer Kraft gesetzt:

„… die Zeitverzögerung, die viele Leute erst gar nicht auf die Idee kommen ließ, Musik herunterzuladen, gibt es nicht mehr. Neue Technologien versprechen Bequemlichkeit, Geschwindigkeit und Automatisierung, doch der Preis, den wir dafür zahlen, ist hoch. Menschliches Verhalten wird zum Teil von einer Abfolge reflexiver Kosten-Nutzen-Rechnungen gesteuert, die festlegen, ob eine Handlung einmal, zweimal, Hunderte Male oder überhaupt nicht ausgeführt wird. Wenn der Nutzen die Kosten aber weit übersteigt, wird es schwer, eine Handlung nicht ständig zu wiederholen, vor allem, wenn der richtige Nerv getroffen wird.“ (Alter 2018, S.12f.)

Das Online-Shoppen bildet ein weiteres Beispiel für das Fehlen einer Abbruchregel. Im analogen Leben weist uns unsere Geldbörse darauf hin, daß kein Geld mehr da ist, das wir ausgeben können. Das ist eine sehr wirksame Abbruchregel, die beim Online-Shoppen, aber auch beim Benutzen von Kreditkarten fehlt. (Vgl. Alter 2018, S.189) Bei Fitneßuhren lenken die Zahlen der gelaufenen Schritte unsere Aufmerksamkeit von den körperlichen Abbruchregeln ab, die uns signalisieren, daß es genug ist. (Vgl. Alter 2018, S.117f.)

Beim dritten, Suchtverhalten fördernden Moment handelt es sich um die Mobilität. Nutzer sind nicht mehr auf ortsfeste, nichttransportale Computertürme und Monitore angewiesen. Sie können ihre Handys und Smartphones sogar mit ins Bett nehmen, was gerade Kinder sehr gerne tun. Für viele Kinder ist ihr Smartphone längst zum Teddybärersatz geworden:

„Young (Kimberley Young, Psychologin und Suchttherapeutin – DZ) begann, eine wachsende Zahl an Internetsüchtigen zu behandeln, deren Höhe durch zwei Ereignisse aus den Jahren 2007 und 2010 noch einmal extrem gesteigert wurde: die Einführung von Apples iPhone und iPad. ‚Die Internetsucht explodierte förmlich vor meinen Augen, als das Internet mobil wurde‘, sagt Young.“ (Alter 2018, S.254f.)

Daß die fehlenden Abbruchregeln das Internet so immersiv machen, verdeutlicht, daß es nicht die fehlende Willenskraft ist, die die Nutzer süchtig werden läßt. Wir haben es hier nicht mit Menschen zu tun, die genetisch oder psychisch mit einer besonderen Schwäche und Verführbarkeit belastet sind. Vielmehr sind alle Süchte, sowohl Substanzsüchte wie auch Verhaltenssüchte, zu einem großen Teil umgebungsabhängig. Das zeigte sich erstmals bei den vielen Vietnamveteranen, die in den 1970ern mit Heroinsucht in die USA zurückkehrten. In der Regierung machte man sich große Sorgen über die großen gesellschaftlichen Probleme, die mit den heroinsüchtigen Veteranen auf sie zukamen. Man rechnete mir einer Rückfallquote von 95 Prozent. Tatsächlich war es dann aber umgekehrt. 95 Prozent der Veteranen wurden nach dem Entzug nicht wieder rückfällig. (Vgl. Alter 2018, S.52ff.)

Der Grund für dieses überraschend positive Ergebnis liegt darin, daß die Heroinsucht zu einem großen Teil mit den traumatischen Erfahrungen der Soldaten in Vietnam verbunden gewesen war. Nach der Rückkehr aus Vietnam konnten sie sich von ihrer Heroinsucht befreien, weil der Kontext, in dem die Sucht virulent gewesen war, fehlte. Das Wechseln des Kontextes ist also ein wesentlicher Bestandteil der Therapie. Bei einer Rückkehr nach Vietnam hätte keine auch noch so ausgeprägte Willensstärke die Betroffenen davor bewahrt, rückfällig zu werden. Gerade hier gibt es aber bei der Internetsucht ein großes Problem: die digitale Infrastruktur bestimmt so umfassend unseren Alltag und unser Berufsleben, daß die Möglichkeit für Internetsüchtige, die Umgebung zu wechseln, praktisch gegen Null tendiert.

Ein weiterer Hinweis auf die weitgehende Wirkungslosigkeit der Willenskraft ist die verbreitete Sex- und Pornographiesucht gerade in den Staaten der USA, in denen eine rigide Sexualmoral herrscht, der Sextrieb also massiv unterdrückt wird. Die Willenskraft gegen sexuelle Bedürfnisse einzusetzen, bedeutet ein Paradox: um etwas nicht zu wollen, muß man ständig an das denken, was man nicht will. Wenn also die Gesellschaft von uns verlangt, wir sollten der Versuchung widerstehen, müssen wir zwangsläufig, ob wir wollen oder nicht, ständig an diese Versuchung denken:

„Diese Diskrepanz zwischen öffentlichem und privatem Verhalten (also zwischen repressivem Sexualverhalten und Konsum von Pornographie – DZ) räumt mit dem Mythos auf, wir könnten schlechte Gewohnheiten nur deshalb nicht aufgeben, weil es uns an Willenskraft fehle. In Wahrheit scheitern Menschen, die es mit Willenskraft versuchen, als Erste. … Die Kombination aus Abstinenz und Willenskraft funktioniert einfach nicht.“ (Alter 2018, S.263)

„Bis heute“, schreibt Adam Alter, „stecken Verhaltenssüchte in ihren Kinderschuhen, und die Wahrscheinlichkeit, dass wir das Basislager dieser Expedition noch gar nicht verlassen haben, dass wir uns noch weit unter dem Gipfel befinden, ist groß“. (Vgl. Alter 2018, S.316) – Und er spricht damit einen wichtigen Punkt an. Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung, und die Frage ist, ob uns das, was wir jetzt schon vor Augen haben, gefällt. Man spricht von Transhumanität und von Posthumanität und antizipiert eine Welt, die nicht mehr von Menschen bewohnt sein wird; jedenfalls nicht von Menschen, die sich noch irgendwie menschlich verhalten. Diese Welt beginnt schon jetzt. Was also wollen wir?

Die vollständige, sechsteilige Besprechung erscheint Anfang Juli in meinem Blog „Erkenntnisethik“. Dort werde ich detaillierter darauf eingehen, welche Grundbedürfnisse des Menschen durch die digitalen Geräte so effektiv befriedigt werden, daß die analoge Realität dagegen alt aussieht, und wie die Programmdesigner das digitale Potential nutzen, uns süchtig zu machen.

Therapie

Schlagwörter

„Der suchtempfängliche Teil meines Selbst wünscht sich ständig höhere Leistungen und Geschwindigkeiten, leichtere Zugänge, das Neueste und Tollste. Deshalb gebe ich meinem nichtsüchtigen Selbst einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und sage: ‚Gut gemacht‘ – du bist nicht losgegangen und hast dir nicht das neue iPhone gekauft; du hast deinen Computer noch nicht aufgerüstet.“

(Cosette Rae, eine der Gründerinnen von reSTART, Zentrum zur Behandlung von Spiele- und Internetsucht; in: „Unwiderstehlich“ von Adam Alter (2018), S.180)

Internetsucht

Schlagwörter

, ,

Es gibt kaum etwas Gefährlicheres für die psychische Entwicklung eines Menschen als eine suchterzeugende Infrastruktur. Die digitale Technologie ist eine solche Infrastruktur. Deshalb gleicht der bundesweite Ausbau des Breitbandnetzes einer öffentlichen Förderung massenhaften Suchtverhaltens. Politiker werden zu Dealern.

Man schüttet ja schließlich auch kein Heroin in die Trinkwasserversorgung.
Oder?