Enhancement

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Bei Einzellern gibt es kein Krebs. Das liegt ganz einfach daran, daß sie sich nach Herzenslust teilen dürfen. Nichts tun sie nämlich lieber, als sich immer wieder und wieder zu teilen.

Bei mehrzelligen Organismen gibt es hingegen Krebs. Zellen im arbeitsteiligen Verbund dürfen sich nicht mehr einfach nach Belieben teilen. Sie müssen bestimmte Aufgaben erledigen, und wenn sie das nicht mehr können, müssen sie absterben und so anderen Zellen Platz machen, die an ihre Stelle treten. Krebszellen sind Zellen, die sich vom Organismus losgesagt haben und wieder das tun, was Zellen am liebsten tun: sich ungehemmt teilen.

Organismen scheinen auf einem gebrochenen Teilungswillen zu beruhen. Das erinnert an das Bewußtsein, das ebenfalls aus einer Brechung hervorgeht: der Brechung unseres Begehrens. Weil die Menschen ihre Bedürfnisse nicht ungebrochen erfüllen können, entwickeln sie ein Selbstbewußtsein. Könnten sie einfach so ‚von der Hand in den Mund‘ leben, im Schlaraffenland grenzenloser Wunscherfüllung, würden sie sich ihrer selbst niemals bewußt werden.

Das organische Urbild dieser Gebrochenheit liegt möglicherweise im Zellverbund. Und so wie der Krebs nicht einfach nur ein Übel ist, sondern allererst Ausdruck eines auf organischer Ebene unstillbaren Bedürfnisses, so auch der Wunsch des Menschen, sich zu perfektionieren. Denn was ist Perfektionismus anderes als unbegrenzte Wunscherfüllung?

Genexpression

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Manchmal bieten einem Begriffe aus der Molekularbiologie die Gelegenheit, über die Gentechnik hinauszudenken. Molekularbiologen sprechen bezüglich des Erbguts gerne von ‚Programmen‘ und von ‚Codes‘ und verbinden damit die Vorstellung, daß sie die Entwicklung eines Organismusses steuern, inklusive kognitive Leistung und individuelles Verhalten. Eingriffe in dieses Erbgut bezeichnen Molekularbiologen auch als „Gene-Editing“, und genau dieser Begriff hat es in sich!

‚Editieren‘ ist eigentlich eine Metapher, die von unserer Arbeit an Texten und Büchern auf das Genom übertragen wird. Auf diese Weise wird das Genom zu einem Text. Das ist aber etwas anderes als ein Code. Der ‚Code‘, der ja ebenfalls eine Metapher ist, bezieht sich auf die vier ‚Buchstaben‘ Adenosin (A), Thymin (T), Cytosin (C) und Guanosin (G). Das ist tatsächlich noch ein molekulares Verständnis, das sich auf die Chromosomen im Zellkern bezieht.

Wenn wir aber von einem genetischen Text sprechen, den wir ‚editieren‘ können, dann ist damit die Zellaktivität als ein Ganzes gemeint, das in einem Wechselgeschehen mit dem Zellkern besteht, in einem beständigen Prozeß des Lesens und Interpretierens. Denn die Zelle liest nicht einfach nur ab, sondern interpretiert die ‚Gene‘ je nach dem Kontext und dem Zustand, in dem sie sich gerade befindet. Weil sich nämlich die Zelle auch ständig mit ihrer Umwelt austauscht.

Es findet also nicht nur ein künstliches Gene Editing statt, insofern Molekularbiologen in das Erbgut eingreifen, sondern ein natürliches Gene Editing auf der Zellebene selbst. Wir können die Zelle als dynamisches Ganzes auf der Grenze zwischen Innen und Außen verstehen. Der aus Zellen bestehende menschliche Organismus kann so als ‚Ausdruck‘ der Zellaktivitäten verstanden werden. Das ist der tiefere Sinn des Begriffs „Gene Editing“, und das Ergebnis ist die „Genexpression“. Damit wären wir bei dem angelangt, was Plessner „Expressivität“ nennt, Welten entfernt von den technologischen Implikationen von Begriffen wie ‚Programm‘ und ‚Code‘.

Vielleicht kann uns das etwas Ehrfurcht einflößen vor dem Leben. Wir sind keine Maschinen.

Empirie und Gewißheit

Im Unterschied zur Technik, die aus der Umsetzung von Erfahrungsgewißheiten besteht, beruht Technologie auf der Anwendung von Theorien, deren empirische Basis unsicher ist. Wir spalten Atomkerne zur Energiegewinnung, als ginge es darum Nüsse zu knacken, obwohl wir bis heute nicht genau wissen, wie Atome zusammengesetzt sind; und obwohl es keine wissenschaftlich gültige Definition von Genen gibt, gibt es schon die Gentechnik. Die empirische Gültigkeit dieser Theorien besteht ausschließlich darin, daß sie funktionieren.

Unvollständige Liste fragwürdiger Technologie

Überflüssige Technik:
– 3D-Filme und 3D-Fernsehen
– HD und HBBTV
– virtual reality headsets
– selbstfahrende google-Autos
– …

Technik, auf die man mit etwas Willenskraft gut verzichten kann:
– Handys (insbesondere Photographierfunktion)
– Smartphones (vor allem wegen der Photographierfunktion; als Navigator aber eigentlich ganz nützlich)
– …

Absolut menschenfeindliche Technik:
– Drohnen, zum Ausspähen und zum Töten
– …

Technologie, die es nie hätte geben dürfen

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Plastik!*
0,2 % Mikroplastik reichern den Sand an Nord- und Ostsee an.
Es gibt keinen Bereich auf diesem Planeten mehr, auch nicht den tiefsten Tiefseegraben, in dem es kein Plastik gibt.
Der Gipfel des schlechten Geschmacks: Rotwein im Plastikbeutel!
Plastik ist ein einziges technologisches Desaster.
Plastik hätte es niemals geben dürfen.
Wenn die Chemiker (oder die Verbraucher) vorher drüber nachgedacht hätten.

* Ich weiß, ich hätte natürlich auch Atomkraftwerke nennen können, eine absolut schlechte Technologie, die es niemals hätte geben dürfen, wenn wir an den ganzen Dreck denken, den wir unseren Nachfahren hinterlassen. Aber das weiß sowieso jeder – wer bei einigermaßen klarem Verstand ist.
Trotzdem fällt mir immer zuerst dieses eklige Plastik ein.

Kritik der technologischen Ökonomie

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Marxens Kritik der Politischen Ökonomie ist defizitär. Sie beschränkt sich darauf, die strukturellen Gesetzmäßigkeiten aufzuzeigen, aufgrund deren der Kapitalismus notwendigerweise an seinen eigenen Widersprüchlichkeiten zugrunde und in eine postkapitalistische Ära, ob wir diese nun Kommunismus nennen wollen oder nicht, übergehen wird.

Die kapitalistischen Produktionsmittel bleiben dabei von Marxens Kritik verschont. Bei diesen Produktionsmitteln handelt es sich zu einem ganz wesentlichen Teil um Technologie. Hier zeigt sich Marx als äußerst technologiefreundlich. In der postkapitalistischen Ära, davon ist er überzeugt, wird man die kapitalistische Technologie einfach übernehmen, und unter umgekehrtem Vorzeichen wird sie jetzt segensreiche Wirkungen entfalten: sie wird es dem Menschen ermöglichen, seine individuellen Potentiale zu entfalten und zu verwirklichen.

Marx war so überzeugt davon, daß Technologie niemals von Übel sein könne, daß er sogar Kinderarbeit befürwortete, weil Kinder in den Fabriken in unmittelbaren Kontakt mit den fortgeschrittensten Erzeugnissen der Ingenieurskunst kämen und ihre Bildung deshalb von klein auf auf der Höhe der gesellschaftlichen Entwicklung stattfinden könne. Marx befürwortete also Kinderarbeit nicht etwa deshalb, um auf diese Weise ein notwendiges Übel, nämlich die tatsächliche Kinderarbeit, wenigstens mit Hilfe von Fabrikschulen zu begrenzen. Sie war vielmehr ein wesentliches Moment dessen, was er polytechnische Bildung nannte.

Eine Kritik der Politischen Ökonomie, die die technologische Basis dieser Ökonomie aus der Kritik ausnimmt, verfehlt ihr Ziel. Sie ist nicht einmal bloß eine halbierte Kritik, sondern gar keine.

Wachsamkeit

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Seid wachsam und haltet die Augen offen!

Letztes Jahr habe ich die letzte Kaspersky-CD gekauft. Ich wollte eine CD, weil ich zuvor ein Norton-Anti-Virus-Download gekauft hatte, das mehrmals kaputt ging und dann über remote-Kontakt mit dem Service-Center repariert werden mußte. Hätte ich eine CD gehabt, hätte ich das selbst machen können. So mußte ich irgendjemanden auf meiner Festplatte rumwerken lassen. Da es Norton nur noch als Download gab, bin ich also zu Kaspersky gewechselt.

Dieses Jahr gibt es Kaspersky, und alle anderen Anti-Virus-Programme, auch nur noch als Download.

Jedes Jahr werden die Verbraucher, neudeutsch User, mit technologischen Entwicklungen konfrontiert, gegen die sie sich nicht wehren können. Sie werden von der online-Schiene abhängig gemacht wie Junkies, die nicht mehr von der Nadel loskommen.

Alles was wir tun können: wachsam sein und zur Kenntnis nehmen! Diesmal sind es die Anti-Virus-CDs.

Das nächste Mal das Bargeld.

Und so weiter.

Ich will jedenfalls jagend und sammelnd die Augen aufhalten und aufmerksam alle die Dinge registrieren, die dem technischen Fortschritt weichen müssen.
Bis ich selber weichen muß.

Noch so ein Paradox

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Es gibt ein beliebtes Partygesprächsparadox, das immer wiedermal gerne angewandt wird. Um das Gespräch in Gang zu bringen, sagt irgendjemand: „Empathie? Also ehrlich: Es sind gerade Sadisten und Folterknechte, die Empathie brauchen, um erfolgreich quälen zu können!“ – Und schon hat man den schönsten Streit entfacht, bei dem Argumente und Emotionen durcheinandergehen.

Aber nicht nur auf Partys wird dieses Paradox gerne bemüht. Erst kürzlich kam Bettina Stangneth in ihrem Buch „Böses Denken“ (2016) darauf zu sprechen. Und jetzt liegt mir ein Buch von Fritz Breithaupt vor, das ich ebenfalls demnächst in meinem Blog „Erkenntnisethik“ besprechen werde: „Die dunklen Seiten der Empathie“ (2017), und darin das Kapitel „Empathischer Sadismus“ (S.149-182).

Ich will es gleich hier ganz deutlich sagen: Ich kann mit diesem Paradox überhaupt nichts anfangen! Ich glaube nicht daran.

Wenn ich von mir selbst ausgehe – und ich bin bei Gefühlen aller Art für mich immer noch die verläßlichste Quelle –, dann sind Empathie und Sadismus völlig unvereinbar! Sobald ich jemanden sehe, der sich mit dem Messer in den Finger schneidet oder mit dem Hammer auf den Daumen haut, fühle ich den Schmerz am eigenen Leib und schrecke zusammen, als wäre es mir passiert. Letztens lief mir ein dreibeiniger Hund über den Weg, und die unvermeidliche Vorstellung, was ihm wohl passiert sein mag, durchfuhr mich wie ein Schock.

Ich wäre der schlechteste Folterknecht der Welt, gerade weil ich empathisch bin! Natürlich kenne auch ich Rachegefühle und male mir voller Lust aus, wie ich jemanden, der mich gekränkt hat, mißhandeln oder vielleicht sogar töten könnte. In Gedanken bin ich mittlerweile wohl ein Massenmörder. Aber immer wenn so ein Rachegedanke von mir mal ansatzweise zur Ausführung kommt und ich die von mir beabsichtigte Verletzung in der Reaktion meines Kontrahenten wahrnehme, fühle ich sie so, als wäre sie mir selbst widerfahren. Ich kann es einfach nicht verhindern: ich habe Mitleid mit meinen Gegnern und ich empfinde Abscheu für mich selbst, wenn ich ihnen etwas angetan habe.

Allein diese Vorstellung, meine Bosheit könnte erfolgreich sein, reicht schon aus, um mich zu besänftigen und von der Ausführung abzuhalten.

Nein! Kein Sadist, kein Folterknecht ist empathisch! Mit Empathie kann man einfach nicht foltern!