Noch so ein Paradox

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Es gibt ein beliebtes Partygesprächsparadox, das immer wiedermal gerne angewandt wird. Um das Gespräch in Gang zu bringen, sagt irgendjemand: „Empathie? Also ehrlich: Es sind gerade Sadisten und Folterknechte, die Empathie brauchen, um erfolgreich quälen zu können!“ – Und schon hat man den schönsten Streit entfacht, bei dem Argumente und Emotionen durcheinandergehen.

Aber nicht nur auf Partys wird dieses Paradox gerne bemüht. Erst kürzlich kam Bettina Stangneth in ihrem Buch „Böses Denken“ (2016) darauf zu sprechen. Und jetzt liegt mir ein Buch von Fritz Breithaupt vor, das ich ebenfalls demnächst in meinem Blog „Erkenntnisethik“ besprechen werde: „Die dunklen Seiten der Empathie“ (2017), und darin das Kapitel „Empathischer Sadismus“ (S.149-182).

Ich will es gleich hier ganz deutlich sagen: Ich kann mit diesem Paradox überhaupt nichts anfangen! Ich glaube nicht daran.

Wenn ich von mir selbst ausgehe – und ich bin bei Gefühlen aller Art für mich immer noch die verläßlichste Quelle –, dann sind Empathie und Sadismus völlig unvereinbar! Sobald ich jemanden sehe, der sich mit dem Messer in den Finger schneidet oder mit dem Hammer auf den Daumen haut, fühle ich den Schmerz am eigenen Leib und schrecke zusammen, als wäre es mir passiert. Letztens lief mir ein dreibeiniger Hund über den Weg, und die unvermeidliche Vorstellung, was ihm wohl passiert sein mag, durchfuhr mich wie ein Schock.

Ich wäre der schlechteste Folterknecht der Welt, gerade weil ich empathisch bin! Natürlich kenne auch ich Rachegefühle und male mir voller Lust aus, wie ich jemanden, der mich gekränkt hat, mißhandeln oder vielleicht sogar töten könnte. In Gedanken bin ich mittlerweile wohl ein Massenmörder. Aber immer wenn so ein Rachegedanke von mir mal ansatzweise zur Ausführung kommt und ich die von mir beabsichtigte Verletzung in der Reaktion meines Kontrahenten wahrnehme, fühle ich sie so, als wäre sie mir selbst widerfahren. Ich kann es einfach nicht verhindern: ich habe Mitleid mit meinen Gegnern und ich empfinde Abscheu für mich selbst, wenn ich ihnen etwas angetan habe.

Allein diese Vorstellung, meine Bosheit könnte erfolgreich sein, reicht schon aus, um mich zu besänftigen und von der Ausführung abzuhalten.

Nein! Kein Sadist, kein Folterknecht ist empathisch! Mit Empathie kann man einfach nicht foltern!

Die ‚Mitte‘

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Unsere Leistungsgesellschaft verlangt von uns ständige Grenzüberschreitungen: Bulimie, Magersucht, Depression und Burnout sind die Folge. Probleme werden nicht mehr als Probleme bezeichnet, sondern als ‚Herausforderungen‘. Ich kann es nicht mehr hören, wenn immer und immer wieder in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen von Herausforderungen die Rede ist statt von Problemen. – Womit letztlich nur unter den Tisch gekehrt wird, daß da jemand oder viele oder wir alle ein erhebliches Problem haben und momentan oder dauerhaft und systemimmanent einfach nicht mehr wissen, wie’s weitergehen soll!

Mein Blog heißt: „Auf der Grenze“ – Warum?
Weil es eben nicht darum geht, irgendeine verfluchte Grenze zu überschreiten! Es geht vielmehr darum, sich auf ihr aufzuhalten und dabei eine gewisse Beweglichkeit zu bewahren: nämlich sich auf unserer eigenen inneren Grenze hin und her zu bewegen und so einen Spielraum zu eröffnen, den wir zu bewältigen vermögen! Und dabei keinesfalls über unsere ‚Grenzen‘, nämlich über unsere Fähigkeiten hinauszugehen.

Es gab mal jemanden, der um diese elementare Weisheit gewußt hatte. Man nennt ihn Buddha, und sein Weg war der Weg der Mitte.

Valentin

Warum soll er nich mit ihr vor de Türe stehn?
Warum soll er nich mit ihr mal konditern gehn?
Warum soll er nich mit ihr,
Weh’n die Frühlingslüfte zart,
Machen mal uff de Spree eene Mondscheinfahrt?
Warum soll er nich mit ihr mal’n Witz riskier’n,
Warum soll er nich mit ihr mal de Liebe spür’n?
Warum soll er nich mit ihr –
Warum soll er nich mit ihr?
Tja, ick weeß et nich, die Mutter, die is nich dafür.

(Clair Waldoff)

Auflösung

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Daß Intelligenz nicht vor Dummheit schützt, ist nur ein scheinbares Paradox. Der Begriff der Intelligenz wird weitestgehend durch die verschiedenen Intelligenztests definiert. Diese kulminieren wiederum in dem Versuch, vor allem den schulischen und beruflichen Erfolg der Probanden zu erfassen. Wir haben es also bei der Intelligenz mit einer Anpassung an einen kapitalistisch geprägten Leistungsbegriff zu tun. Damit deckt der Intelligenzbegriff nur einen verschwindend kleinen Bereich der menschlichen Existenz ab.

Intelligenz ist also nicht das Gegenteil von Dummheit. Dummheit wiederum kann man vielleicht am besten mit Nicht-Denken gleichsetzen. Dem wäre noch mangelnde Empathie hinzuzufügen. Beides, Nicht-Denken und mangelnde Empathie, kann auf sehr intelligente Weise praktiziert werden.

Allerdings sollte man versuchen, ohne solche Begriffe auszukommen. Meiner Erfahrung nach sollten weder Intelligenz noch Dummheit zu Beurteilungskriterien im Umgang mit anderen Menschen gemacht werden.

Die Differenz in der Technik

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Gemeinhin wird den Deutschen eine irrationale Technikfeindlichkeit vorgeworfen. Mit diesem Vorwurf verbinden sich Schlagwörter wie „German Vorsicht“ und „German Angst“, wobei es seltsam anmutet, daß ausgerechnet ein rationaler Begriff wie ‚Vorsicht‘ der Irrationalität bezichtigt wird.

Ein beliebtes Gegenargument gegen diese Technikfeindlichkeit besteht darin, auf den Mittelcharakter der Technik zu verweisen. Es sei immer nur der Mensch, der über die Zwecke entscheidet, zu denen er Techniken einsetzt; die Techniken selbst seien unschuldig an ihrem Gebrauch. Ein Küchenmesser, das zum Morden verwendet wird, bleibe weiterhin ein Küchenmesser, an dem nichts auszusetzen sei.

Dagegen muß mit Günter Anders eingewendet werden, daß manche technischen ‚Mittel‘ so monströs sind, daß sie jeden Gebrauch von vornherein ausschließen: Atombomben werden produziert, um nicht gebraucht zu werden. Und bei Atomkraftwerken sind die Folgekosten für Umwelt, Gesundheit und unzählige künftige Generationen so immens, daß ihre begrenzter Nutzen von wenigen Jahrzehnten völlig unverhältnismäßig ist.

Aber es gibt noch ein weiteres Argument: die Differenz im Mittel-Zweck-Charakter der Technik selbst. Es gibt ‚Technik‘, die einfach nur funktional ist, wie z.B. das erwähnte Küchenmesser oder ein Schraubenzieher. Hier sind Mittel und Zwecke individuell überschaubar aufeinander bezogen. Ihr Gebrauch kann von jedem Menschen mit gesundem Verstand verantwortet werden. Ansonsten gibt es aber noch Techniken, die nicht mehr funktional, sondern medial sind; ‚medial‘ im Sinne von einer Vertauschung des Mittel-Zweck-Verhältnisses. Diese Techniken bilden keine Mittel mehr, sondern einen Selbstzweck. Jede Technik, die eine Infrastruktur bildet, verführt uns Menschen dazu, sie zu so einem Selbstzweck zu erheben. Zugleich wird sie unauffällig; ihr Technikcharakter wird gar nicht mehr bemerkt. Dazu zählt das Internet. Dazu zählen Handys und Smartphones. Wo Menschen einen Hammer in die Hand nehmen, wissen sie, was sie tun. Wenn Menschen Smartphones in die Hand nehmen, haben sie oft gar kein Bewußtsein mehr davon, daß sie es tun, warum sie es tun und welche technischen Prozesse bei ihrem Gebrauch sonst noch in Gang gesetzt werden.

Wenn Technik medial wird, dann gilt jede Innovation auf diesem Gebiet per se als gerechtfertigt. Der Nutzen wird wie ein Glaubenssatz verkündet und Gegenargumente gelten von vornherein als technologiefeindlich. Eine Lebensführung, die sich der Medialität dieser Technologien verweigert, gilt als vormodern.

Fundstücke

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Ich hatte mir überlegt, hier unter dem Stichwort ‚Wildbeuter‘ eine Reihe für das aktuelle Wahljahr bis zum 24. September zu eröffnen, um demokratiefeindliche Positionen im Netz kenntlich zu machen. Aber inzwischen fühle ich mich sehr unbehaglich bei dem Gedanken, mich solchen Niederungen der bloggenden und tweetenden Selbstbejubelung auszusetzen. Und ich bin mir auch meiner selbst und meine Motive nicht sicher genug, um die Rolle eines objektiven, sachlichen Beobachters spielen zu können. Ich habe mich also entschlossen, es bei diesem einzelnen ‚Fundstück‘ zu belassen.


Heute geht es um „alphachamber“, laut Selbstkennzeichnung ein Autorenkollektiv, was ich aber bei meinen Begegnungen mit dieser Gruppe in den Kommentarspalten verschiedener Blogs, sogar in meinem eigenen Blog, nicht wußte. Ich war immer von einem einzelnen Blogger ausgegangen, weil ich daran gewöhnt bin, Gespräche mit Einzelpersonen und nicht mit Kollektivsubjekten zu führen. Aber diese Kollektivsubjekte treten im Internet wohl häufiger auf.
„Alphachamber“ betreibt im Internet einen eigenen Blog: „Der staats-lose Bürger“, und läßt im Untertitel – „… auf der Flucht vor der Dummheit“ – keinen Zweifel daran, was ‚er‘ von abweichenden Meinungen hält. Als ich „alphachamber“ das letzte Mal auf einem Philosophieblog begegnete, behauptete ‚er‘, Immanuel Kant habe der „deutschen Gesinnung“ Schaden zugefügt. Ich erhob Einspruch gegen diese Behauptung, insbesondere gegen die Verwendung des Wortes „deutsche Gesinnung“, und „alphachambers“ Erwiderungen bildeten eine seltsame Mischung aus sich seriös gebender Kant-Expertise und nicht zur Sache gehörigen Plattitüden. Daraufhin besuchte ich zum ersten Mal den Blog.
Dort las ich den Blogpost „Die Genetik des GG“, in dem die Behauptung aufgestellt wird, daß „die unsichtbare, schleichende Unfreiheit und Unmündigkeit der Bürger“ „im GG ,genetisch‘ eingebettet“ sei. Außerdem wird die Ansicht vertreten, daß Demokratien nur verkappte Diktaturen der Mehrheit gegen die Minderheit seien.
Der Großteil der Kommentare bejubelt diesen Blogpost und er wurde dem aktuellem Stand zufolge bislang fünfmal rebloggt, unter anderem von einem „Runenkrieger“ auf seinem Blog „Treue und Ehre“. Zwei differenzierte Kommentare zu diesem Thema werden von „alphachamber“ freundlich begrüßt und ‚er‘ kommt stichwortartig auf Le Bon, Carlo Schmitt und Toqueville zu sprechen. Resultat dieser gelehrten Anmerkungen: „Der Begriff der Demokratie ist heute ein billiger Köder für die Deppen.“
Auch ich melde mich zu Wort und verweise darauf, daß es ein Qualitätsmerkmal von Demokratien sei, ihre Minderheiten vor den jeweiligen wechselnden Mehrheiten zu schützen. Wenn sie das nicht täten, seien es auch keine Demokratien.
Zunächst sieht es so aus, als ginge „alphachamber“ positiv auf meine Stellungnahme ein und stellt mir eine sachlich wirkende Frage zum provisorischen Status des Grundgesetzes. Als ich mich in einem weiteren Kommentar darauf einlasse und auf die „Würde des Menschen“ zu sprechen komme, zeigt „alphachamber“ die Wolfsfratze unter dem liberalen Schafsmäntelchen: Er spricht Neugeborenen, die keine Kontrolle über ihre Darmentleerungen haben, und ‚hilflosen Greisen‘, die ihren Verstand verloren haben, jede Würde ab. Dabei hält „alphachamber“ aber immer noch den liberalen Anschein einer sachlichen Argumentation aufrecht, indem ‚er‘ von einem „natürlichen Recht“ auf Leben spricht, das auch Neugeborenen und Greisen zustehe und für das die Würde nur eine ‚inhaltslose‘ und ‚erbärmliche‘ Beschreibung bilde.
Das biologisch begründete „natürliche Recht“ soll das universell begründete Menschenrecht ersetzen. Der Grund dafür ist simpel: mit einem biologisch begründeten Recht kann man leichter ausgrenzen (Verwandtschaft und Blut) als mit dem universell begründeten Menschenrecht. Das war ursprünglich mit dem Naturrecht mal anders gedacht gewesen. Aber damals galten ja auch noch die liberalen Prinzipien der Aufklärung.
Diese Vorgehensweise scheint typisch für Blogger wie „alphachamber“ zu sein. Sie tun so, als argumentierten sie, indem sie Wörter nach Belieben verdrehen, und ergehen sich in Haarspaltereien, die es ihnen erlauben, traditionelle moralische Begründungszusammenhänge der Aufklärung und die auf ihnen aufbauenden gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen zu delegitimieren. Und sie bescheinigen jedem, der ihnen dabei nicht folgen kann, geistig minderbemittelt zu sein: „hoffentlich überfordere ich Sie nicht. naja, wahrscheinlich schon, ??“

Fazit: Wer auch immer es in seinen Kommentarspalten mit „alphachamber“ zu tun bekommt, sollte wissen, daß es ‚ihm‘ nicht um die jeweilige Sache geht. Es ist nicht der Mühe wert, sich darauf einzulassen.

Schrecken und Faszination

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Warum bin ich heterosexuell?
Oder anders gefragt: Was macht meine Heterosexualität aus?

Tatsächlich kann ich mich bewußt an einen homosexuellen Traum in meiner Jugend erinnern. Und ich hatte sicher nicht nur diesen einen. Aber generell fällt es mir schwer, nachzuvollziehen, was Frauen an Männern attraktiv finden. Ich weiß noch, wie ich mal mit einem Freund auf einer Party war, und er war umschwärmt von einem halben Dutzend wunderschöner Frauen, während ich irgendwo mit mir selbst herumstand und mir irgendwie fehl am Platz vorkam. Mein Freund ertrug die Aufmerksamkeit des weiblichen Teils der Party mit einem freundlichen Lächeln, aber er zeigte keinerlei Interesse, sich auf irgendwelche Flirts einzulassen. Er war glücklich verheiratet und hatte zwei Kinder. Als die Ehe dann doch zerbrach und ich mit einer Freundin darüber sprach – irgendwie verlief unser Gespräch zu Ungunsten meines Freundes –, konstatierte die Freundin frustriert: „Man kann allzu schönen Männern einfach nicht trauen!“

Abgesehen davon, daß wir beide ihm bitter Unrecht taten, ging mir bei diesem Gespräch zum ersten Mal auf, wie attraktiv der Freund, den ich schon jahrzehntelang kannte und schätzte, in den Augen des weiblichen (heterosexuellen) Teils der Menschheit war. Ich nahm es verwundert zur Kenntnis. Nachvollziehen konnte ich es aber nicht.

‚Attraktivität‘ ist aber nicht das richtige Wort, um zu beschreiben, was meine Heterosexualität ausmacht. Natürlich finde ich Frauen attraktiv. Aber längst nicht alle Frauen! Ich bin da durchaus zum Teil durch gesellschaftliche Stereotypen geprägt, zum größeren und wichtigeren Teil aber scheint es tatsächlich Zufall zu sein, wenn ich eine bestimmte Frau attraktiv finde, eine andere aber nicht. Oft ist es einfach nur ein einzelner Blick, eine winzige, unmerkliche Veränderung der Perspektive, der bzw. die von einem Moment auf den anderen Verliebtheit in mir auslöst. Das erotische Interesse ist aber nicht an diese Verliebtheit geknüpft; es kann davon völlig unabhängig sein.

Ich denke, meine Heterosexualität ist von anderer Art: es geht hier nicht um ‚Erotik‘ oder um Sexualität im engeren Sinne. Es geht um etwas Fundamentales: Frauen erschüttern mich in meiner Existenz (als Mann). Sie verunsichern mich auf eine rätselhafte Weise. Zugleich faszinieren sie mich. Ich kann meine Aufmerksamkeit nicht von ihnen abwenden. Ich kann bis heute nicht an einer Gruppe von Frauen vorübergehen, ohne mir zu überlegen, ob sie mich auch wahrnehmen und wie sie über mich denken. Als Jugendlicher war das ein Horror: jedes kleine Kichern, jedes helle Auflachen empfand ich als gegen mich gerichtet; es zerschmetterte mich und ließ mich in kleine und kleinste Scherben zersplittern.

Schrecken und Faszination, das ist der innerste Kern meiner Heterosexualität. Alle meine verschiedenen Beziehungsformen zu Frauen sind davon durchdrungen. Und irgendwie empfand ich es immer als meine zentrale Lebensaufgabe, diese Gemengelage zum Guten zu wenden.

Ich fürchte, das wird so bleiben.
Ich hoffe, es wird so bleiben.